130 Jahre Heilsarmee in Deutschland

Eine bewegte Geschichte

1920er in Deutschland: Menschen stehen Schlange vor einer der vielen Gulaschkanonen der Heilsarmee
1920er in Deutschland: Menschen stehen Schlange vor einer der vielen Gulaschkanonen der Heilsarmee
1920er in Deutschland: Menschen stehen Schlange vor einer der vielen Gulaschkanonen der Heilsarmee

1886 kam die Heilsarmee nach Deutschland. Zwar nicht mit wehenden Fahnen und in Marschformation, aber sie kam: 1886 zog die Familie Schaaff, Fritz und Pauline und ihre vier kleinen Kinder, von der Schweiz nach Stuttgart – und die Heilsarmee hatte Deutschland erreicht!

In ihrem Heimatland Großbritannien und in manchen anderen Ländern hatte das Auftauchen der Heilsarmee bereits für Aufregung gesorgt. Der Status quo, das Dahinplätschern des „Es war schon immer so“ und „Wir haben es nie anders gemacht!“ wurde gestört von predigenden jungen Mädchen und Gottesdiensten in Theatern und Kneipen. Und es stimmt auch, dass der Brauereiumsatz in manchen Städten zurückging in dem Jahr, als die Heilsarmee einen Saal am Ort mietete und die Schaulustigen lieber zu den kostenlosen Veranstaltungen dorthin gingen als in die Kneipe.

Fritz und Pauline Schaaf mit Tochter Julie
Fritz und Pauline Schaaf mit Tochter Julie

Schon Jahre, bevor die Schaaffs nach Deutschland zogen, hatte man deshalb in Deutschland eine vorgefasste Meinung. Und die lautete: Nein, wir brauchen die Heilsarmee nicht! Entsprechend zäh waren die ersten Jahre; nur langsam konnten sich kleine Heilsarmee-Gemeinden etablieren. Aber die geduldige, aufopferungsvolle Arbeit zahlte sich aus. Nach und nach stabilisierten sich die Gemeinden. Wer konnte auch gefühllos zuschauen, wie zum Beispiel junge Heilssoldatinnen sich ein ums andere Mal in die schlimmsten Kneipen wagten, um den Mann der kranken Frau zu suchen, die sie gerade in ihrer düsteren Dachkammer versorgt hatten? Langsam änderte sich die öffentliche Meinung. Behörden waren zur Mitarbeit bereit, manche Pastoren fanden lobende Worte über die Heilsarmee. Selbst die Kneipenbesucher fanden heraus, dass „die von der Heilsarmee“ immer ein verständnisvolles Ohr und einen praktischen Rat hatten. Und manch einer schloss sich sogar der Heilsarmee an!

Die Heilsarmee gedieh in Deutschland prächtig. Die sozialen Probleme nach dem 1. Weltkrieg führten zur Auffahrt vieler Gulaschkanonen auf den Plätzen der Städte und zur Gründung großer und kleiner Sozialeinrichtungen. Es gab die Heilsarmee in Hunderten Städten und Dörfern …

Und dann kam 1933

In manchen Städten wurde der Heilsarmee verboten, was 50 Kilometer weiter gestattet wurde. Die Sozialeinrichtungen wurden von der Behörde übernommen; in manchen Orten ließ man stillschweigend die Heilsarmeeoffiziere weiterhin als „Mitarbeiter“ ihren Dienst tun, und an anderen Orten wurden sie sofort durch Parteiangehörige ersetzt.

Die Heilsarmee verteilt ab 1945 heißen Kakao an Heimkehrer, Vertriebene und Flüchtlinge im Grenzdurchgangslager Friedland.
Die Heilsarmee verteilt ab 1945 heißen Kakao an Heimkehrer, Vertriebene und Flüchtlinge im Grenzdurchgangslager Friedland.

Erst langsam – und mit der Hilfe ihrer ausländischen Freunde – konnte die Heilsarmee in den schweren Nachkriegsjahren wieder aufgebaut werden, manchmal buchstäblich aus Ruinen. Seit 1933 war die Ausbildung des Offiziersnachwuchses nur selten möglich gewesen, und jetzt galt es, eine neue Heilsarmee zu bauen, neuen Herausforderungen zu begegnen. Dass die Heilsarmee sich mehr und mehr zu einer zeitgemäßen Armee Gottes entwickelt, verdankt sie zum Teil auch der DDR.

In der DDR wurde die Heilsarmee fast überall ab 1945 verboten. Oder, wie es im Behördendeutsch hieß, „nicht wieder zugelassen“. Die Heilssoldaten gingen zu anderen Kirchen oder wechselten, wie die Heilsarmee in Leipzig, geschlossen in eine andere Freikirche. Als die Heilsarmee 1990 noch in der DDR als Religionsgemeinschaft registriert und neue Heilssoldaten rekrutiert werden konnten, erfassten diese die Prinzipien der Heilsarmee, die Verbindung von fröhlicher Evangelisation und praktischer Lebenshilfe, von sichtbarer Uniformität und manchmal chaotischem Individualismus und setzten sie in die Tat um – aber ohne den Ballast von sinnentleerten Traditionen und Gewohnheiten. Als die politische Weiterentwicklung die Zulassung der Heilsarmee in Litauen und Polen ermöglichte, war dies auch dort deutlich. Auch in Litauen und Polen entwickelten sich Gemeinden mit einem ausgeprägten sozialen Gewissen.

Junge Heilssoldaten 2016
Junge Heilssoldaten 2016

So baut sich in unserem Territorium Deutschland, Litauen und Polen etwas Neues auf! Nicht der Aufguss von etwas Altem, sondern das Gute und Sinnvolle aus der Geschichte, verbunden mit der Frische von neuen Ideen und neuen Menschen. Und das ist gut so. Denn die Heilsarmee hat nach wie vor eine große Aufgabe in Deutschland!

Bearbeiteter Beitrag von
Christine Schollmeier (
),
die das Historische Archiv der
Heilsarmee in Deutschland leitete

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