Nicht gießen!


von Christine Schollmeier


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Nachfolgender Text ist ein Auszug aus der Ausgabe 11/2015 des Heilsarmee-Magazins.

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Kalle war ein liebenswerter, kauziger Frührentner, der bei uns im Heilsarmee-Haus in St. Pauli auf der Reeperbahn wohnte. Irgendwann betrachtete er unseren kleinen Innenhofgarten als „sein botanisches Reich“. Er begoss, pflanzte Setzlinge (irgendjemand hatte immer was zu verschenken), züchtete diverse Insekten und – wir vermuteten – auch Mäuse. Kalle liebte sein Gärtchen. Jedoch: Er hatte absolut keine Ahnung vom Gärtnern. Weder wusste er, wie die Pflanzen hießen, noch unter welchen Bedingungen sie gediehen. Er ließ Unkraut – er nannte es „Wildblumen“ – wachsen, weil er die Blüte sehen wollte. Wir seufzten. Und ließen ihn gewähren.

Nur einmal wurde ich richtig sauer. Mitten im Gärtchen gedieh eine Pflanze, extra hochgebunden, gut gewässert und gepflegt. Ich erkannte sie sofort, die kleinen lila Blüten: Solanum dulcamara, auch Bittersüßer Nachtschatten genannt. Und ich fürchtete das Gewächs. 1951 habe ich als Dreijährige auf dem Sportplatz die knallroten Beeren als Kirschen angesehen und musste – mangels Handys und PKWs – bäuchlings angeschnallt auf einem Motorradrücksitz ins Krankenhaus zum Magen-Auspumpen gebracht werden. Solche giftigen Pflanzen in unserem geschützten Innenhof? Niemals! Kalle sah das ein. Die Pflanze war nicht hässlich und er hatte sie liebevoll gepflegt. Aber sie war eben gefährlich. Und deshalb musste sie entsorgt werden. Gemeinsam warfen wir sie in den Müll.

Egal ob Pflanze oder eine Beziehung, eine Gewohnheit oder ein Hobby: Tut mir etwas nicht gut, dann sollte ich mich davon trennen. Selbst wenn es gar so verlockend ist. Vielleicht gibt es auch bei Ihnen etwas, bei dem Sie bereits „ahnen“, dass es Ihnen auf Dauer schadet. Mein Tipp: Gießen Sie es nicht! Geben Sie dieser „Sache“ keine weiteren Nährstoffe. Und suchen Sie jemanden, der Ihnen hilft, das Giftige zu entsorgen.

 

Christine Schollmeier

 

 

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