„Berufung ist ein Prozess“
Am 26. September werden unsere Kadetten Lydia und Robert Beckert in Kassel ordiniert. Im Interview erzählen sie von ihrer Berufung und ihrem Weg zum Offizier.
Robert und Lydia, wo hat eure Geschichte mit der Heilsarmee eigentlich angefangen?
Robert:
Ich erinnere mich gut an meine Schule in Chemnitz. Ich habe lange für meinen qualifizierten Hauptschulabschluss gebraucht und mich damals immer gefragt: Warum soll ich überhaupt etwas lernen? Wofür brauche ich das später. Mit 14 Jahren ist der Wunsch in mir gewachsen, Pastor zu werden.
Lydia:
Bei mir beginnt es noch früher. Ich bin ein echtes Heilsarmee-Kind. Ich bin in München in einem Männerheim aufgewachsen. Meine Eltern waren dort Offiziere und Heimleiter. Mit 18 sind wir wieder nach Kanada gezogen. Und dann kam irgendwann die Frage: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Man wird zwar automatisch älter, aber man wird dadurch nicht unbedingt erwachsen.
Wie habt ihr dann herausgefunden, was eure Aufgabe sein könnte?
Lydia:
Ich habe zunächst in Kanada in einem Fast-Food-Restaurant gearbeitet. Dort kamen zum Frühstück regelmäßig ältere Menschen. Ich habe ihnen ihr Essen gebracht und mich manchmal zu ihnen an den Tisch gesetzt. Und irgendwann habe ich gemerkt: Wow, ich liebe es, Menschen zu begegnen. Ich habe dann in Kanada zunächst eine Ausbildung gemacht, die ungefähr mit einer sozialpädagogischen Assistenz vergleichbar ist. Später habe ich Sozialarbeit studiert und mich besonders für Kinder und Jugendliche interessiert.
Robert:
Bei mir war der Weg etwas komplizierter. Ich bin ich auf die Abendschule gegangen und habe meinen Realschulabschluss nachgemacht. Anschließend konnte ich Theologie studieren und meinen Bachelor machen.
Waren der Glauben und der Dienst am Menschen von Anfang an miteinander verbunden?
Robert:
Ich wollte nicht nur theoretisch über Glauben reden. Ich wollte auch praktisch mit Menschen zu tun haben. Deshalb habe ich nach meinem Theologiestudium noch eine Ausbildung zum Zimmermann gemacht. Mich hat die Verbindung von Theorie und Praxis gereizt. Ich wollte nicht nur studiert haben, sondern auch einmal etwas ganz Praktisches machen. Mit Handwerkszeug – ohne elektrische Werkzeuge – eine Grundkonstruktion für ein Haus bauen zu können, fand ich faszinierend.
Lydia:
Bei mir war es umgekehrt. Bei mir war die Sozialarbeit zuerst da. Der geistliche Teil kam viel später dazu. Ich habe im Kinderheim gearbeitet, im Männerheim, mit Menschen mit Behinderungen und später auch mit Kindern. Dabei habe ich immer wieder gemerkt: Ich liebe es, mit Menschen zu arbeiten – egal, wo sie gerade im Leben stehen.
Wann kam dann die Heilsarmee wieder beziehungsweise stärker in euren Leben?
Robert:
Ende 2014 habe ich Gott im Gebet gefragt: Was wird im nächsten Jahr werden? Und tatsächlich kam dann ein Anruf von einem Freund aus Chemnitz. Er erzählte mir von einer freien Stelle bei der Heilsarmee. Ich habe mir das angeschaut, und beide Seiten hatten den Eindruck: Das könnte gut passen. So bin ich bei der Heilsarmee gelandet und habe später Lydia kennen gelernt.
Lydia:
Ich bin ja mit der Heilsarmee aufgewachsen. Aber gerade deshalb war mir irgendwann wichtig, dass die Heilsarmee nicht einfach automatisch „mein Weg“ ist, nur weil meine Eltern Offiziere waren. Ich habe mir gesagt: Nur weil meine Eltern Soldaten sind, heißt das nicht, dass ich selbst eine sein muss. Es muss meine eigene Überzeugung sein. Als meine Mutter gestorben war, habe ich Gott gefragt: „Wo willst du mich hinhaben?“ Und dann kam die Anfrage der Heilsarmee, nach Deutschland zu kommen und als Sozialarbeiterin zu arbeiten.
Robert, wann kam bei dir der Gedanke auf, dass die Berufung nicht nur in der Sozialarbeit, sondern im Offiziersdienst liegen könnte?
Ich war sechs Jahre für die Heilsarmee in Guben. Dort hat mich dann der Ruf zum Offiziersdienst erreicht. Der Kandidatensekretär hat uns beide angerufen und uns mitgeteilt, dass wir auf der Gebetsliste stehen.
Das bedeutet bei der Heilsarmee, dass Menschen für den möglichen Weg in den Offiziersdienst besonders im Gebet begleitet werden. Wir haben Gott gefragt, ob das unser Weg sein könnte. Was mich dann schnell überzeugt hat, war der Frieden, den ich dabei empfunden habe.
Lydia:
Für mich war es die Möglichkeit, Sozialarbeit und geistliches Leben miteinander zu verbinden. In Chemnitz habe ich innerhalb von drei Jahren drei verschiedene Offiziere erlebt. Drei unterschiedliche Menschen und drei unterschiedliche Arten, Offizier zu sein. Nach und nach habe ich mehr Aufgaben übernommen, auch im Gottesdienst. Und irgendwann dachte ich: Ich sehe mich nirgendwo anders.
Was ist für euch das Besondere an der Heilsarmee im Vergleich zu anderen christlichen Organisationen?
Robert:
Für mich ist es vor allem die klare Ausrichtung auf Jesus, ohne dass Menschen unter Druck gesetzt werden. Es geht nicht darum: „Ich muss dich jetzt unbedingt bekehren.“ Es ist eher: „Ich biete dir an, was ich habe. Ich lade dich ein. Komm mit und sieh, wie Jesus lebt.“ Ich glaube, die Menschen merken diesen Unterschied. Sie fühlen sich nicht gedrängt, sondern eingeladen und gesehen.
Es ist auch die Freiheit, die man bei der Heilsarmee erlebt. Wenn man vor Ort eine Idee hat und sagen kann: „Ich würde das gerne umsetzen. Ich habe ein Konzept und glaube, dass es hier Sinn macht“, dann gibt es viele Möglichkeiten. Ich finde es stark, dass die Heilsarmee nicht nur sagt: „Das haben wir schon immer so gemacht“, sondern offen ist für neue Wege.
Lydia:
Und für mich kommt dazu, dass Glaube und soziale Arbeit nicht zwei verschiedene Dinge sind. Meine Eltern haben mir genau das vorgelebt: Kirche und soziale Arbeit gehören zusammen.
Und ich finde es schön, dass die Heilsarmee an unterschiedlichen Orten ganz unterschiedlich aussehen kann. Bist du in einem Stadtteil mit Familien, die soziale Unterstützung brauchen, machst du vielleicht Familienarbeit. Bist du in einem anderen Umfeld, sieht die Arbeit wieder ganz anders aus.
Die Berufung ist für uns tatsächlich ein Prozess gewesen. Und vielleicht ist genau das das Schöne daran: Man muss nicht von Anfang an alles wissen. Man darf Schritt für Schritt gehen.
Und darauf vertrauen, dass Gott weiß, wohin der Weg führt.
Die Ordination von Lydia und Robert findet am Samstag, 26. September, ab 14 Uhr im Friedenshof Kassel, Kleine Rosenstraße 4, 34117 Kassel statt. Alle sind herzlich eingeladen, an der feierlichen Versammlung und dem anschließenden Beisammensein mit Kaffee und Kuchen teilzunehmen.