Besuch im „Zweite Chance“-Laden – mit Video-Einblick

Schauen Sie sich unser neues Video über die Heilsarmee in Solingen an. Unten finden Sie den Besuchsbericht von Marius Stelzmann,der seit kurzem als Fundraiser am THQ in Köln arbeitet.

Wer als Mitarbeiter am Territorialen Hauptquartier in Köln anfängt, hat die Möglichkeit, verschiedene Einrichtungen der Heilsarmee zu besuchen und die Arbeit vor Ort aus erster kennenzulernen. Eine großartige Chance, die ich mit meinem ersten Ausflug gerne wahrnahm. Mein erster Besuch in einem sozialen Projekt der Heilsarmee führte mich nach Solingen in den Second-Hand-Laden „Zweite Chance“. Hier können bedürftige Menschen ungeachtet von Herkunft und sozialem Hintergrund zu günstigen Preisen schöne, hochwertige Kleidung und andere Artikel bekommen. Schnell merkte ich: Die "Zweite Chance" ist wesentlich mehr als nur ein Second-Hand-Laden.

Der Laden öffnet jeden Morgen um zehn Uhr. Als ich aus dem prasselnden Regen hereinkam, war vor Ort bereits voller Betrieb. Das ganze Team war versammelt und begrüßte mich herzlich. Die studierte Sozialarbeiterin und Aktive der Heilsarmee Solingen, Heike Oesterlen leitet den Laden und gestaltet die Arbeit vor Ort. Sie gab mir zunächst eine Führung durch den gesamten Laden mit allen zugehörigen Lager- und Gruppenräumen. Ich sah die Anlieferung, in der Leute ihre Spenden abgeben können. Direkt dahinter werden Kleidungsstücke und andere Gegenstände, die nicht sofort in den Laden eingeordnet werden können, sorgfältig aufbewahrt, bis sie ins Angebot aufgenommen werden. Hinter dem Laden gibt es noch einen liebevoll gestalteten Aufenthaltsraum, der mit einem großen zentralen Tisch ein gemütliches Beisammensein ermöglicht. Dieser Raum wird nicht nur von den Mitarbeiterinnen für ihre Pausen genutzt. Auch Besucher, die einen ruhigen Ort brauchen, um dem Team von ihrer Situation zu berichten, finden hierzu eine Möglichkeit. Zu guter Letzt finden hier auch Veranstaltungen statt, wie zum Beispiel ein englischsprachiges Cafe, in dem ältere Gäste in der Konversation miteinander ihre Fähigkeiten im Englischen aufpolieren können. Zum Schluss meiner Runde landete ich im Herzstück des Ladens, dem Verkaufsraum selbst. Dieser ist jedoch viel mehr als ein normales Ladenlokal, in dem Waren angeboten werden. Wie in jedem Kleiderladen findet man hier die Kleidungsstücke ordentlich auf Ständern und in Regalen aufgereiht, nach Damen, Herren und Kindern aufgeteilt und von formell bis zum Schlafanzug geordnet. Es finden sich jedoch auch praktische Gegenstände des alltäglichen Lebens, von Schreibwaren über elektronische Geräte bis hin zu Geschirr, Besteck und Hausdekoration, die liebevoll arrangiert sind und zusammen mit der Dekoration eine heimelige Atmosphäre verbreiten. Direkt am Schaufenster des Ladens finden sich zwei Tische, von denen einer wie in einem Cafe und einer mit einer Sessel- und Sofakombination ausgestattet ist. Hier können sich Besucherinnen und Besucher mit einem Kaffee, den es kostenlos zu trinken gibt, zusammen hinsetzen und im stürmischen Alltag einen Moment der Ruhe finden. Viele Rentnerinnen und Rentner leiden in unserer Gesellschaft an Einsamkeit. An diesen Tischen können sie zusammenkommen und mit anderen Menschen in ähnlichen Lebenssituationen ins Gespräch kommen. Heike Oesterlen weiß: Für viele Menschen ist die Schwelle zum Zutritt zu Veranstaltungen hoch. In den Laden kann man niederschwellig erst einmal zum Schauen kommen. Von den Mitarbeiterinnen wird man dann freundlich empfangen, ein Kaffee wird angeboten. Viele wollen sich erstmal nur umschauen. Im Laden haben alle die Möglichkeit, in ihrem eigenen Tempo anzukommen. Sitzt man dann beisammen, kommt man auch schnell ins Gespräch. Der Laden bietet nicht nur praktische Unterstützung beim Problem der Altersarmut, sondern auch der Einsamkeit im Alter. Diese Mischung in ihrer Gesamtheit ist eines der Erfolgsrezepte, die den Laden so wirksam in seinem Handeln machen: Menschen, die ihn betreten, kommen in eine Atomsphäre der Wertschätzung und Offenheit. Es ist sofort klar, dass jeder so akzeptiert wird, wie er ist und in seinen Bedürfnissen gesehen wird. Für kleines Geld bekommen die Besucherinnen und Besucher gebrauchte Kleidungsstücke, die dennoch schön und wertig sind. Niemand hat das Gefühl, dass ihm Almosen geschenkt werden, sondern alle können sich als selbstbewusste Kunden wahrnehmen, die ihre Auswahl selbst treffen und auch bezahlen. Wer alleine ist, bekommt ein offenes Ohr, ohne das ein spezielles Angebot besteht, das auch als Verpflichtung wahrgenommen werden könnte. Wer die Atmosphäre der Gemeinsamkeit schätzt und die Leute, die er im Umfeld des Ladens kennengelernt hat, in einem sozialen Format treffen möchte, kann direkt zum gegenüberliegenden Seniorencafe oder zur samstäglichen Suppenküche hinüberschlendern, die ebenfalls in der Gemeinde der Heilsarmee stattfindet.

Tatkräftig mithelfen konnte ich als erstes in der Sortierung neu gebrachter Waren. Hier lernte ich schnell, worauf es bei den neu ankommenden Kleidern ankam. Sie müssen, sauber und unbeschädigt sein. Leider können nicht alle angelieferten Kleidungsstücke benutzt werden, den mitunter gibt es beschädigte oder verschmutzte Stücke. Der Laden steht fest auf dem Grundsatz der Heilsarmee, dass jeder Mensch eine Würde hat und diese auch selbstbewusst für sich beanspruchen kann. Deshalb hat die Kleidung, die den Besucherinnen angeboten wird, auch ein gewisses Niveau. Die Leute sollen eben nicht abgespeist werden und sich „arm“ fühlen. Sie erhalten schöne Dinge, die ihnen Selbstbewusstsein geben, zu einem günstigen Preis. Die sortierten Stücke kamen entweder ins Lager, wenn es sich um Winterkleidung handelte, oder direkt ins Ladenlokal, wo sie für den Verkauf einsortiert wurden.

Beim Einsortieren verging der Vormittag wie im Fluge. Nach der Mittagspause wies mich Heike daraufhin, dass sich an den Tischen nun einige von den regelmäßigen Besucherinnen eingefunden hätten. Sie riet mir, die Gelegenheit zu nutzen und sie kennenzulernen, um ein Gefühl für die Atmosphäre des Ladens zu bekommen. Ich brachte den Besucherinnen den von ihnen bestellten Kaffee und kam tatsächlich sofort ins Gespräch. Schnell kam man auf Armut in der eigenen Biografie und eine ältere Dame berichtete von ihren eigenen Erfahrungen mit Langzeitarbeitslosgkeit. In diesem Gespräch kam man auch schnell auf die Werte, die den Kleiderladen „Zweite Chance“ von anderen Sozialangeboten abhoben. Die Dame berichtete nämlich von Orten der Kleiderausgabe, in denen sie während ihrer Langzeitarbeitslosigkeit schon gewesen war.  Große, anonyme, Lagerhaus-artige Ausgabestellen seien das gewesen. Unpersönlich und abwertend war auch die persönliche Behandlung: In einer Reihe wurde man abgefertigt und erhielt Kleidungsstücke, die man mitnehmen musste, egal, ob sie einem gefielen oder nicht. Ganz anders sei es in der „zweiten Chance“: Hier werden Menschen herzlich empfangen und können selber auswählen. Neben dem sozialen Aspekt gibt es die bewusste Entscheidung für ein Kleidungsstück und die erfahrene Wertschätzung durch das Personal des Ladens. Dadurch erhält man ein kleines Stück Einkehren, ein kleines Stück Normalität – ein im vom Stress geprägten Leben von Notleidenden wichtiger Faktor neben der rein wirtschaftlichen Situation. Durch dieses Gespräch gewann ich wertvolle Einsichten in das Leben von Leuten mit Armutserfahrungen und den Herausforderungen, denen sich die Arbeit der Heilsarmee stellen muss, aber auch inspirierende Einblicke darin, was sie bereits leistet und sich so auch von anderen Sozialangeboten abhebt. Eine lehrreiche Begegnung, die man im Alltag sonst nicht hat -  die im Laden „Zweite Chance“ allerdings völlig barrierefrei und vertrauensvoll möglich ist.

Die Besucherinnen verabschiedeten sich in das Seniorencafe und ich suchte mir wieder verschiedene Aufgaben, wo ich mithelfen konnte. Zwischendurch kam ich immer wieder ins Gespräch mit Heike Oesterlen, die mir berichtete, wie der Laden im Stadtteil wirkte und für Menschen ein soziales Angebot schuf, das mehr einem Begegnungsort als einem Laden ähnelte. Auch der Blick für die kleinsten Details beeindruckte mich: So wurden die Kleidungsstücke sorgfältig nicht nur nach Arten sondern auch nach Farben sortiert, was den Eindruck eines „Wühltisches“ oder einer Kleiderkammer, der manchmal in Second Hand Läden entsteht, vermieden wurde und sich die „Zweite Chance“ als liebevoll gepflegter Platz präsentierte, an dem man sowohl Einkaufen als auch innehalten konnte.

Wie im Flug verging dann auch die Zeit und auf einmal war es 16.00 Uhr: Ladenschluss. Die Aussteller wurden vorsichtig in den Laden getragen, alles abgebaut und die Kasse gemacht. Alle Erlöse von verkauften Kleidern gehen direkt in den Laden zurück, um die Gemeindearbeit möglich zu machen. Der Laden erwirtschaftet keinen Gewinn. Nachdem der Tag geschafft war, verabschiedete man sich herzlich voneinander. In kurzer Zeit hatte ich die Beschäftigten des Ladens bereits gut kennen und sehr schätzen gelernt. Ihre Leistung ist ein beeindruckendes Beispiel für das gute Wirken der Heilsarmee für Menschen, die in dieser Gesellschaft eine zweite Chance brauchen.

Marius Stelzmann
Fundraiser

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