Die wollen nur spielen
Bei der Sommermusikschule der Heilsarmee kann jeder sein musikalisches Talent entdecken.
„Ich spiele jetzt Kornett“, freut sich Winona Barz. In der Hand hält sie ein filigranes Blechblasinstrument, das wie eine Trompete aussieht. „Es hat aber einen weicheren Klang“, sagt sie. Die junge Frau probiert gerne mal etwas Neues aus. Auf ihrem Notenständer liegt „Bruder Jakob“. Doch dieses Lied muss noch warten. In der Bläserprobe für Anfänger, die im Obergeschoss des Schullandheims stattfindet, geht es erstmal um die richtige Intonation. Denn es ist gar nicht so einfach, dem Kornett einen sauber gespielten Ton zu entlocken.
Winona Barz kommt aus dem Korps in Bremen. Die junge Frau leitet dort einen Spielekreis. „Ich sorge dafür, dass die Mütter mit ihren kleinen Kindern eine gute Zeit verbringen.“ Bei der Sommermusikschule ist sie das erste Mal dabei. Sie singt gerne. Aber zur Brass Musik hatte sie bisher keinen Draht. Wie ist ihr Eindruck? „Ich fühle mich hier gut aufgenommen“, sagt sie.
Jens Oesterlen ist schon lange dabei. Er ist mit seiner Frau Naemi und seiner Tochter angereist. Der Heilerziehungspfleger aus Hamburg spielt Horn in einer Heilsarmee-Brassband. Er übt in der Bläsergruppe für Fortgeschrittene im Erdgeschoss - wenn er nicht gerade sein neun Monate altes Kind betreut. „Ich werde hier musikalisch viel mehr gefordert als zu Hause“, gesteht er. „Hier kann ich mein Niveau wirklich verbessern.“ Gerade wird ein rhythmisch anspruchsvoller Tango geprobt. „Where I love to be“ heißt das Stück. Am Pult steht Richard Woodrow aus Norwich in Großbritannien. Der Gastdirigent ist Kapellmeister in seinem Heimatkorps und Flügelhornspieler der International Staff Band.
Ein Album mit vielen Fotos erinnert an die Anfänge. 1975 initiierte Major Walter Flade die erste Sommermusikschule der Heilsarmee im „Seehof“ am Plöner See. 50 Jahre später trifft sich die Sommermusikschule immer noch - zum Üben und um Zeit in geselliger Runde zu verbringen. Seit einigen Jahren findet das einwöchige Treffen in Braunlage im Harz statt. Es gibt hier zwar keinen See mehr - aber ein Schwimmbad.
Die Sommermusikschule ist in ihrer Bandbreite einzigartig: Ob Familien mit Kindern oder Senioren, Anfänger oder Fortgeschrittene, Sänger oder Bläserin – jeder, der gerne Musik macht, ist bei der jährlich stattfindenden Akademie willkommen. Das war nicht immer so. „Wer früher dabei sein wollte, musste vorspielen. Das war schon eine Hemmschwelle“, berichtet Martin Steiner, der seit 1987 mit seinem Kornett dabei ist. Er gehört nun zum Leitungsteam. „Wir haben uns über die Jahre geöffnet. Und das hat der Sommermusikschule gutgetan.“
Babysong und Jugendchor
Zum Leitungsteam gehört seit 1993 Olivier Chevalley mit seiner Frau Inge. Es sei nicht einfach, die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen, sagt der Major. Ein halbes Jahr vorher fängt das Team mit der Planung an. „Wir schauen uns die Anmeldungen an und stellen dann das Programm zusammen. So haben wir jedes Jahr einen anderen Akzent“, sagt er. Mal gibt es einen Jugendchor, mal einen Tanzkurs oder einen Babysong-Kreis.
Für die rund 70 Teilnehmern aus allen Teilen der Republik, die in diesem Jahr dabei sind, hat das Leitungsteam einen abwechslungsreichen Stundenplan erstellt: Es gibt Gitarrenunterricht für Anfänger, ein musikalisches Angebot für die Kleinen, einen Gospelchor und natürlich den klassischen Bläserunterricht. Doch bevor die musikalischen Workshops beginnen, gibt es zwei Bibelkreise – für Erwachsene und für Kinder. Im Dachgeschoss, neben den Tischtennisplatten, haben sich 15 Kinder versammelt. Robert Beckert, Leiter des Korps in Hannover, ist in die Rolle von Jesus geschlüpft. Er trägt einen weißen Umhang. Im Spiel umarmt er einen Leprakranken, dargestellt von seiner Frau Lydia. Es geht um Matthäus 8, 1-4: Jesus heilt einen Leprakranken. „Wir wollen den Kindern die fünf Sprachen der Liebe erklären“, sagt Robert. Heute geht es um die Zärtlichkeit.
Der musikalische Höhepunkt der Sommermusikschule ist das Konzert im Kurpark von Braunlage. Am Samstag ist Kaiserwetter. Die Zuschauer sitzen mit ihren Kaffeetassen, Kuchenstücken und Getränken auf den Bänken im Schatten der Bäume. Die Musiker tragen weiße Blusen und Hemden, viele Brassband-Mitglieder haben eine Krawatte angelegt. Es ist heiß. Winona Barz ist aufgeregt. Sie spielt nun zum ersten Mal ihr neues Instrument vor Publikum - allerdings nur in der Anfängergruppe, die unter der Leitung von Alexander Valerstein ein kurzes Stück präsentiert. Im Gospelchor, der danach auftritt, hat sie allerdings eine ganz besondere Rolle: Winona Barz darf ein kleines Solo singen.