Ein Ort für die Toten und die Lebenden

Die Lichtinstallation Seelenlichter prägt das Innere des Kolumbariums (Foto: Jörg Schwarz)

Das Kolumbarium DIE EICHE in Lübeck ist ein außergewöhnlicher Gedenkort für Verstorbene und ein Platz der Schönheit und Hoffnung für Hinterbliebene.

Die kleine Festhalle liegt in einem angenehmen Halbdunkel. Die Stimmung unter den Anwesenden ist feierlich, würdevoll, intensiv und positiv. Immer wieder erklingt der Ton einer Klangschale; nach jedem Schlag wird ein Name verlesen. Dann herrscht für einen Moment Stille und es ist Gelegenheit, an die genannte Person und ihr Leben zu denken. Denn die insgesamt rund 500 Menschen, deren Namen verlesen werden, sind tot; verstorben im Laufe des Jahres 2025. Die Zeremonie, die Ende Januar 2026 stattfand, erinnerte an sie – unabhängig davon, wo die Verstorbenen gelebt haben und wo sie bestattet sind.

Ein Herzensprojekt hat sich etabliert

Ort dieses berührenden Gedenkens war das Kolumbarium DIE EICHE in Lübeck, dessen Träger die Heilsarmee ist. Vor knapp zwei Jahren ging der Urnenfriedhof in Betrieb – mitten in der Lübecker Altstadt, in einem historischen Kornspeicher, der ursprünglich der Familie von Thomas und Heinrich Mann gehörte. Auf den Treppen hätten die beiden Schriftsteller als Kinder Fangen gespielt, vermutet Michael Angern. Er und seine Partnerin Peggy Morenz haben das Kolumbarium gegründet und betreiben es heute. Für den ehemaligen IT-Unternehmer und die Porzellankünstlerin ist das Kolumbarium ein Herzensprojekt, für das sie lange gekämpft haben. Vom Kauf des Gebäudes 2013 bis zur Eröffnung vergingen zehn Jahre. Das lag an der notwendigen, sehr aufwendigen Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes, aber auch an zahlreichen bürokratischen Hürden. Nicht zuletzt verzögerte die Corona-Pandemie die Eröffnung.

Jedes Detail erzählt eine Geschichte

Inzwischen ist DIE EICHE ein etablierter Ort des Erinnerns und der Kultur in Lübeck. Die Gestaltung und Ausstattung des alten Kornspeichers sind bis ins kleinste Detail durchdacht. Die Festhalle im Erdgeschoss, die auch als Veranstaltungsraum für Lesungen und Konzerte dient, wird von den atemberaubenden „Seelenlichtern“ der Schweizer Künstlerin Madlaina Lys dominiert: Mehr als 12.000 weiße Porzellanplättchen hängen aufgereiht an Fäden von oben in den Raum und vermitteln einen Eindruck von Schwerelosigkeit und Transzendenz. Auf den anderen Etagen – oder Böden – des Kolumbariums gibt es eine Bibliothek, einen Spiegelsaal und verschiedene Galerien. Sie bilden nicht nur einen kunst- und würdevollen Rahmen für die Urnen, die in die Wände eingelassen oder – zusammen mit sorgfältig ausgewählten Erinnerungsstücken an die Verstorbenen – in Vitrinen und Regalen platziert sind. Auch Hinterbliebene finden überall bequeme und geschützte Plätze, an denen sie ihren toten Freunden und Angehörigen nahe sein, Erinnerungen und Gedanken notieren, ihrer Trauer Raum geben oder mit einem der Trauerbegleiter, die immer im Haus sind, ins Gespräch gehen können.

Wie passt DIE EICHE zur Heilsarmee?

Die besondere Schönheit und luxuriöse Ausstattung des Kolumbariums wirft manchmal auch Fragen auf: Ist das nicht nur ein Ort für Reiche? Und wie passt das dann zur Heilsarmee? „Sehr gut, denn DIE EICHE ist keineswegs nur für Wohlhabende da“, sagt Rosemarie Scharf, die das Sozialcafé der Heilsarmee in Lübeck leitet und das Projekt Kolumbarium schon vor der Eröffnung begleitet hat. Auch Personen, die im Leben auf die Unterstützung der Heilsarmee oder andere Hilfen angewiesen waren, seien hier schon bestattet. Hier bekommen Menschen, die am Rand der Gesellschaft standen, die würdevolle Behandlung und die Wertschätzung, die ihnen im Leben oft verwehrt wurde.

Eindrücke aus dem Kolumbarium

Fotos: Jörg Schwarz, Peter Kierczkowski

 

Zurück