Ein „Sommer der Hoffnung“ für ukrainische Kinder

„Jeder Tag hier ist eine Riesenüberraschung“, sagt Nika und strahlt. Die Zwölfjährige ist eins von 15 Kindern aus dem ukrainischen Kamjanske, die im August zwei Ferienwochen in Wuppertal verbringen. Heute, am 12. August, ist die Gruppe zum ersten Mal bei der Heilsarmee zu Besuch. Nika und ihre Freundinnen Sofiia und Anna haben schon die Hausrallye absolviert und im Gruppenraum gebastelt. Jetzt freuen sie und die anderen Kinder sich auf die Wettspiele – und auf die Süßigkeiten, die es dabei zu gewinnen gibt.

„Sommer der Hoffnung“ heißt die Freizeit, die das Heilsarmee Korps Wuppertal und die Kirche im Tal (KT), eine Wuppertaler Pfingstgemeinde, gemeinsam auf die Beine gestellt haben. KT-Pastorin Anna Volkova stammt selbst aus der Ukraine und organisiert regelmäßig Hilfstransporte in ihr Heimatland. Im Frühjahr fragte die Stadtverwaltung von Kamjanske, Wuppertals Partnerstadt, ob die Theologin eine Freizeit für besonders vom Krieg betroffene Kinder organisieren könne. Anna Volkova sagte ja – und holte die Heilsarmee ins Boot. „Für uns war sofort klar, dass wir mitmachen“, sagt Majorin Claudia Klingbeil. Sie beantragte erfolgreich Mittel aus dem Ukrainefonds der Heilsarmee und gewann weitere Unterstützer. So tragen der CVJM, die Stadtwerke und der Zoo Wuppertal, verschiedene andere lokale Unternehmen und die Caritas mit praktischer Unterstützung und großzügigen Sonderkonditionen dazu bei, dass die Kinder ein buntes Ferienprogramm erleben können. „Wir möchten den Kindern zwei unbeschwerte Wochen weit weg von Krieg und Gewalt ermöglichen“, sagt Claudia Klingbeil. Dabei gehe es aber nicht nur um „Bespaßung“, betont sie. „Wir stellen den Kindern auch Jesus vor, als einen Freund, an den sie sich immer wenden und auf den sie immer hoffen können.“

Eine Auszeit von Krieg und Gewalt

Hoffnung und Freude brauchen die 9- bis 13-jährigen Mädchen und Jungen dringend. Viele haben ein Elternteil im Krieg verloren, mussten fliehen oder wissen nicht, wie es ihrem Vater an der Front geht. Im Alltag sind sie in ständiger Alarmbereitschaft, denn russische Angriffe auf Kamjanske sind jederzeit möglich. Die Anspannung weicht nur langsam: „Gestern haben wir plötzlich ein Flugzeug am Himmel über Wuppertal gesehen“, erzählt Yuliia Balmaieva, eine der beiden Betreuerinnen, die die Gruppe nach Deutschland begleitet haben. „Viele Kinder hatten sofort Angst, dass jetzt ein Luftangriff kommen würde.“ Yuliia Balmaieva ist Lehrerin und die Mutter einer Freizeitteilnehmerin. Dass sie die Gruppe als Pädagogin begleiten darf, war für Yuliia ausschlaggebend, um ihrem Kind die Reise zu erlauben. „Ich möchte natürlich unbedingt, dass meine Tochter schöne Ferien hat und bin unglaublich dankbar für das Angebot. Aber dass sie in diesen gefährlichen Zeiten ohne mich in ein fremdes Land fährt, kam für mich nicht in Frage.“ Ängste und Bedenken haben auch andere Mütter und Väter. Yuliia Balmaieva schickt deshalb sehr oft Fotos und Informationen in den Gruppenchat der Eltern: Alle sollen beruhigt sein und sehen, dass ihre Kinder die Zeit genießen.

Und das tun sie! Conny Schaumkessel, die seit rund 40 Jahren die Kinder- und Jugendarbeit im Korps ehrenamtlich leitet, hat ein abwechslungsreiches Programm für die Gruppe zusammengestellt. Nach der Rallye gibt es Wettspiele, bei denen es mal auf Geschicklichkeit, mal auf Tempo und mal auf gute Ideen und Teamwork ankommt. So hat jedes Kind echte Gewinnchancen. Außerdem ist Zeit für Mal- und Bastelangebote, aber auch für freies Spiel und zum Ausruhen. Stella Kassapidis sorgt mit dafür, dass alles reibungslos läuft. Als Kind war die 23-Jährige Stammgast im Kinder- und Jugendprogramm der Heilsarmee. Heute leitet sie selbst eine Gruppe und hilft „natürlich“ bei der Freizeit mit. „Ich möchte gern etwas zurückgeben“, sagt sie. Auch Stellas Mutter Daniela, ihr jüngerer Bruder Philipp und weitere Freunde und Mitglieder der Gemeinde sind am Start. Sie bereiten Essen zu, helfen beim Auf- und Abbau, spülen Geschirr, übernehmen Einkäufe und Fahrdienste und noch Einiges mehr. „Ohne die unglaublich engagierten Freiwilligen aus beiden Gemeinden könnten wir diese Freizeit nicht stemmen“, betont Claudia Klingbeil.

Verstehen hängt nicht nur von der Sprache ab

Ehrenamtlich sind auch die Dolmetscherinnen dabei – zum Beispiel Olga Friedrichs, die heute extra aus Essen gekommen ist. Engagiert übersetzt sie den ganzen Tag lang Spielregeln, Programminfos, Kinderfragen, Lieder, Tischgebete und Vieles mehr. Und dass, obwohl sie gerade eine Nachtschicht hinter sich hat. „Die Kinder sollen merken, dass sie nicht allein auf der Welt sind und dass Menschen an sie denken und sich um sie kümmern“, sagt sie. „Für mich ist der Tag ein rundum positives Erlebnis, auch wenn mich das Schicksal der Kinder sehr berührt und traurig macht.“ Manchmal läuft die Verständigung übrigens auch ganz ohne Olga Friedrichs: Nach dem Mittagessen liefern sich Philipp, Dean und Jeremy, drei Jungen aus dem Korps Wuppertal, am Tischkicker ein spannendes Match mit Ivan, Kyrylo und Rostyslav aus Kamjanske. Alle sind fröhlich, laut und mit vollem Einsatz dabei. Sprachbarriere? Kein Problem!

Der Tag endet mit gemeinsamem Grillen im Hof. Die Kinder genießen die leckeren Würstchen und lassen den Tag Revue passieren. „Die Spiele haben richtig großen Spaß gemacht“, findet der elfjährige Yehor. Und Sofiia freut sich schon auf die nächsten Tage. „Was genau auf dem Programm steht, weiß ich gar nicht. Aber das macht nichts“, sagt sie. „Hier ist alles schön und ich habe immer ein gutes Gefühl.“

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