„Sie haben nicht gelernt zu träumen“

Perspektiven für Kinder von Prostituierten

Die „Leuchtturm-Kinder“ bei einem Ausflug zu einem Waldspielplatz.
Die „Leuchtturm-Kinder“ bei einem Ausflug zu einem Waldspielplatz.

Das Rotlichtviertel an der Reitwallstraße im Herzen Hannovers: In dicken beleuchtbaren Lettern stehen die diversen Prostitutionsangebote an den Häusern. Während der Corona-Krise war hier lange Zeit alles stillgelegt, immer noch sind die Clubs und Bordelle geschlossen. Offiziell ist auch der Straßenstrich verboten - wenn die Stadt auch immer wieder gegen Verstöße vorgehen muss. Doch seit Anfang Juli dürfen Frauen unter vielen Auflagen wieder ihre Dienste anbieten. Oder wie es auf der Homepage des Landes Niedersachsens vermerkt ist: „Im Bereich der körpernahen Dienstleistungen ist Prostitutionsausübung im Rahmen von Kundenbesuchen in Hotels und Wohnungen aufgrund entsprechender höchstrichterlicher Rechtsprechung (z. B. Escort-Service) erlaubt.“

Ein Leuchtturm für Kinder im Milieu

Pastorin Christine Tursi (33) hat nur einen Steinwurf entfernt ihr Gemeindegebäude. Im Jahr 2018 übernahm sie die Leitung des Heilsarmee-Korps in Hannover. Schnell bekam sie Kontakt zum Rotlichtmilieu – und schnell machte sie eine Beobachtung: „Die große Überraschung war, dass wir dort sehr viele Kinder angetroffen haben. Sie leben in kleinen Wohnungen mit ihren Eltern, gehen zur Schule, versuchen Kind zu sein in einer Welt, die es sehr eilig hat, sie als Erwachsene zu sehen und sie auch so behandelt.“ Tursi gibt ein Beispiel: „Einmal bin ich an einem Stripclub vorbeigegangen, zwei kleine Mädchen haben mich weggezogen und gesagt: »Schau nicht dahin, das ist nicht schön für dich!«. Man muss blind sein, das nicht zu sehen.“

Leutnantin Christine Tursi
Pastorin Christine Tursi leitet das Projekt Leuchtturm und das Korps der Heilsarmee in Hannover.

Gegen die Blindheit hat die Heilsarmee-Leutnantin das Projekt „Leuchtturm“ ins Leben gerufen. Seit Anfang 2020 betreuen sie und ihr Team neun Familien im Rotlichtmilieu mit insgesamt zwölf Kindern im Alter von drei bis elf Jahren und deren ältere Geschwister, Teenager zwischen 16 und 19 Jahren. Die Mütter stammen zumeist aus Bulgarien, Rumänien, der Dominikanischen Republik oder Thailand, sie haben ihre Kinder aus der Heimat mitgenommen oder sogar hier zur Welt gebracht.

Erst waren es Gespräche an der Wohnungstür, Tursi stellte sich einfach vor. Das Heilsarmee-Wappen auf der Brust weckte Vertrauen beim Gegenüber. „Ich versuchte ihnen zu erklären, dass ich Pastorin bin, sagte, »schau, das ist mein Gebäude da drüben, wo die Gottesdienste stattfinden«. Oder ich habe Essen vorbeigebracht.“ Dann bot sie ihre Hilfe bei Behördenangelegenheiten an, vermittelte Arztbesuche. Wer in so einer harten Welt aufwächst, der wird oft zu schnell erwachsen. „Ein Fünfjähriger hatte bereits die Körpersprache eines Erwachsenen und flirtete die Frauen auf der Straße an.“ Tursi lernte, bescheidene Ziele zu formulieren. „Ich wollte meinen Beitrag dazu leisten, dass die Mädchen, die heute zehn oder elf Jahre alt sind, nicht mit 16 schwanger sind.“

Aufwachsen im Schatten des Rotlichts

Frisch ausgestattet mit gespendeten Rucksäcken werden diese beiden Kinder das erste Mal nach Jahren wieder eine Schule besuchen.

Wenn die Kinder sehen, wie die Mutter sich anders anzieht und schminkt als sonst, wie sie ein paar Stunden oder den ganzen Tag verschwindet, wie der Vater sich betrinkt, um das auszustehen und wie die Mutter mit roten Augen zurückkehrt? Was sagen sie dann zu ihren Kindern? Und was machen die allein gelassenen Kleinen in einer Umgebung, in der es fortlaufend um Sex geht?

„Sie haben nicht gelernt zu träumen“, sagt Tursi. Dagegen will sie etwas unternehmen. „Wir bieten soziale Begleitung für die Eltern bei Fragen zu Wohnen, Arbeiten, Erziehung, Alphabetisierungskurse und wir besuchen die Familien. Ich bin mittlerweile wie eine Schwester für diese Frauen.“ Man könne sie und ihr Heilsarmee-Team auf der Straße antreffen mit Cupcakes und Kaffee beim Plaudern mit den Frauen oder beim Beten zwischen den Bordellen. „Die Kinder sollen wieder Spaß haben, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und somit die Chance erhalten, später eigene Perspektiven für ein Leben außerhalb des Rotlichtmilieus zu entwickeln.“

Förderung läuft zum Jahresende aus

Das Konzept fand Anklang beim Sozialdezernat der Stadt. Kurz darauf gewann das Projekt im Rahmen des Wettbewerbs des „Gesellschaftsfonds Zusammenleben“ die Zusage eines Förderzuschusses für 2020 in Höhe von 12.000 Euro. Dadurch war die Finanzierung für dieses Projekts für das Jahr gesichert. Ende 2020 endet das Förderprogramm jedoch leider! Aber Christine Tursi und ihr Team wollen weitermachen und suchen private Spender und Paten für die Kinder aus dem Rotlichtmilieu.

Damit diese Kinder einfach Kind sein dürfen

Bitte unterstützen Sie dieses einzigartige Projekt. Mit Ihrer Spende helfen Sie, Kindern aus dem Rotlichtmilieu eine sichere und kindgerechte Umgebung zu bieten, in der Sie Annahme und Wertschätzung erfahren sowie neue Perspektiven bekommen.

Jetzt für das Projekt Leuchtturm spenden

Informationen zum Projekt gibt Christine Tursi: korps.hannover@heilsarmee.de

In Niedersachsen sind offiziell 3.200 Frauen als Prostituierte gemeldet, wie das Statistische Bundesamt listet. Bundesweit sollen es 32.800 Frauen sein. Viele der Frauen werden unter falschen Versprechungen hergelockt.

Allein zwischen 2013 und 2014 wurden laut einem Bericht der Europäischen Kommission 15.846 registrierte, identifizierte und mutmaßliche Opfer von Menschenhandel von den EU-Mitgliedstaaten gezählt. 76 Prozent der Opfer waren Frauen und Mädchen. Die Dunkelziffer wird jedoch weitaus höher liegen.

Die Heilsarmee tritt entschieden für die Bekämpfung von moderner Sklaverei und Menschenhandel ein. Der Oberbegriff „moderne Sklaverei“ umfasst Menschenhandel zu Zwecken der sexuellen Ausbeutung, der Ausbeutung von Arbeitskräften oder des Organhandels, ausbeuterische Beschäftigungspraktiken, Kinderarbeit, frühe Verheiratung und Zwangsverheiratung.

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