Gemeinsam über Grenzen

Wasser, Schlamm und viele Hindernisse: Der Oderlandmarsch in Guben war für eine Männergruppe der Heilsarmee in Göppingen mehr als ein sportlicher Wettkampf. Die zehn Kilometer lange Strecke wurde für viele ein Symbol eines Neustarts.

Kapitän Jeremy Baker, Leiter eines Männerwohnheims der Heilsarmee in Göppingen, musste nicht lange überlegen, als er die Einladung zum 29. Oderlandmarsch 2026 bekam. „Hast du Lust, gemeinsam zu trainieren?“, fragte er die Männer aus der neu gegründeten Sportgruppe. Die stimmten sofort zu. Das gemeinsame Training für das Event gab ihrem Alltag Struktur und half, Ziele zu entwickeln. „Es ging nicht nur um Sport“, erklärt Baker „Die Männer lernten Disziplin, erlebten Gemeinschaft und bauen wieder eine Verbindung zu ihrem eigenen Körper auf."

Die ersten Laufversuche waren ernüchternd. Bereits nach wenigen hundert Metern stießen viele Teilnehmer an ihre Grenzen. Doch Aufgeben war keine Option. Einige zogen später freiwillig Gewichtswesten an, um besonders effektiv zu trainieren: „Es war beeindruckend zu sehen, wie sie sich Woche für Woche weiterentwickelt haben“, erzählt Baker. „Nicht auf einmal, sondern Schritt für Schritt.“ Mit den Wochen veränderte sich nicht nur die körperliche Fitness. Auch die Gespräche innerhalb der Gruppe wurden persönlicher. Viele Männer begannen, über ihre Zukunft nachzudenken. Einige wollten mit dem Rauchen aufhören, andere weniger Alkohol trinken. Wieder andere fassten den Entschluss, eine Ausbildung zu beginnen oder sich eine Arbeitsstelle zu suchen. Manche machten auch neue Erfahrungen im Glauben und beschäftigten sich intensiver mit Jesus Christus.

Am 30. Mai fiel dann der Startschuss: 500 Teilnehmer, Frauen und Männer, hatten sich in 100 Mannschaften am im Stadion Miejski Gubin in Guben versammelt. Der Wettkampf selbst wurde zur echten Bewährungsprobe. Das Team hatte sich bewusst vorgenommen, nicht auf Bestzeiten zu laufen, sondern gemeinsam anzukommen. Niemand sollte allein gelassen werden. Dieses Versprechen hielten die Männer bis zum Schluss. An jedem Hindernis warteten sie aufeinander, halfen sich gegenseitig und motivierten sich immer wieder neu. „Wir waren eine Einheit“, beschreibt Baker den Tag. „Niemand ist einfach vorgelaufen. Jeder hat auf den anderen geachtet.“ Gerade auf den letzten 500 Metern wurde deutlich, wie sehr alle an ihre Grenzen gingen. Erschöpft, aber entschlossen mobilisierten sie ihre letzten Kräfte und erreichten gemeinsam das Ziel.

Wenn nicht alles gelingt

Natürlich lief nicht alles nach Plan. Besonders die Schießstation stellte die Gruppe vor unerwartete Schwierigkeiten. Die Gruppe traf von 25 Schüssen lediglich einen. Die daraus resultierende Strafzeit nahmen die Männer mit Humor. „Wir kämpfen nicht mit Waffen“, sagt Jeremy lachend. „Unsere Waffen sind Gottes Wort und sein Geist.“

Die Hitze machte vielen zu schaffen. Nach der Flussdurchquerung der Neiße kamen einzelne Männer körperlich an ihre Belastungsgrenze. Einer brach beinahe zusammen, ein anderer musste deutlich Tempo herausnehmen. Doch niemand blieb zurück. Besonders eindrücklich blieb für Jeremy ein dunkles Labyrinth aus Heuballen in Erinnerung. Ohne Sicht tastete sich die Gruppe durch enge Gänge. Für ihn, der enge und dunkle Räume nicht besonders mag, wurde diese Passage zur persönlichen Herausforderung. „Irgendwann hörte ich jemanden meinen Namen rufen und dachte kurz, ich hätte mich verlaufen. Aber genau wie im Leben heißt es manchmal einfach: einen Schritt nach dem anderen. Irgendwann kommt man wieder heraus.“

Ein Bild für den Glauben

Für den Pastor sind Sport und Glaube eng miteinander verbunden. So wie Ausdauer nicht über Nacht entsteht, wächst auch der Glaube Schritt für Schritt. „Man sieht oft von einem Tag auf den anderen kaum Veränderungen“, sagt er. „Aber wenn man nach einigen Monaten zurückblickt, erkennt man, wie weit man gekommen ist.“ Baker erlebt immer wieder, dass Männer, die zunächst wenig Interesse am Glauben zeigen, mit der Zeit Fragen stellen und neue Hoffnung finden. „Viele Männer kommen zu uns und haben lange nur gehört, was sie nicht können. Ihnen zu sagen: ‚Du bist gewollt. Gott hat einen Plan für dein Leben‘, verändert etwas.“

Mehr möglich, als wir glauben

Beim gemeinsamen Essen nach dem Lauf wurde vielen Teilnehmern erst bewusst, was sie erreicht hatten. Noch vor einem Jahr hätten sie sich niemals vorstellen können, einen solchen Hindernislauf erfolgreich zu absolvieren. Genau darin sieht er die eigentliche Botschaft des Oderlandmarsches. „Wenn jemand vor einem Jahr keine zehn Kilometer laufen konnte und heute durchs Ziel kommt, dann verändert das sein Denken. Plötzlich wird auch in anderen Bereichen möglich, was vorher unerreichbar schien.“ Große Ziele entstehen nicht durch einen einzigen Schritt, sondern durch viele kleine. Ob Ausbildung, Beruf, ein gesünderes Leben oder persönliche Veränderungen – entscheidend sei, das große Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und gleichzeitig die nächsten kleinen Schritte zu gehen.

Der Blick nach vorn

Eines steht für die Gruppe bereits fest: Auch im kommenden Jahr möchte die Gruppe wieder am Oderlandmarsch teilnehmen. Unabhängig davon, welche Wege die einzelnen Männer durch Ausbildung oder Beruf einschlagen werden, soll das gemeinsame Training weitergehen. Vielleicht müssten die Termine künftig flexibler werden, doch die Motivation sei ungebrochen, sagt er. Und für die Schießstation hat sich die Gruppe ebenfalls ein Ziel gesetzt. „Nächstes Jahr treffen wir vielleicht mehr als einen Schuss“, sagt der Gruppenleiter schmunzelnd. „Versprechen kann ich es aber nicht.“

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