Hilfe ohne Vorbedingungen: Suchtberatung im „Park In“ in Hamburg

Heilsarmee-Sozialarbeiter Michael Lenger im Interview

Michael Lenger von der Heilsarmee berät Alkoholkranke in Hamburg.

Ob am Hauptbahnhof, an den U-Bahn-Stationen oder vor dem Supermarkt im Viertel: Die Trinkerszene gehört in Hamburg und vielen anderen Städten zum Stadtbild. Die Süchtigen, oft Männer, wirken verzweifelt und verwahrlost. Die Passanten blicken weg und hasten schweigend vorbei. Wir sprachen mit Michael Lenger, Sozialarbeiter der Heilsarmee in Hamburg.

Kann man diesen Süchtigen noch helfen, Michael Lenger?

Wir versuchen es, Tag für Tag. Deshalb fahren wir mit unserem Bus zu den Brennpunkten, zum Beispiel an den Hamburger Hauptbahnhof. Wir haben zwar feste Routen, bleiben aber flexibel – je nach Szene und Tageszeit. Manche trifft man früh morgens, andere eher am frühen oder späten Nachmittag.

Lenger ist seit 20 Jahren Suchtberater und Sozialarbeiter. Er leitet gemeinsam mit Sabine Ohlrogge das „Park In“ in Hamburg-Billstedt. Die Einrichtung der Heilsarmee gehört zum Suchthilfesystem der Hansestadt Hamburg. Das Park In ist eine niederschwellige Kontakt- und Beratungsstelle für suchtmittelabhängige und suchtgefährdete Menschen. Sie richtet sich an jene, die bisher keine Hilfe in Anspruch genommen haben oder nach einem Rückfall den Kampf gegen die Sucht wieder aufnehmen wollen.

Wie sprechen Sie als Sozialarbeiter die Süchtigen an?

Viele kennen uns bereits. Wir sind ja regelmäßig vor Ort. Sie kommen zunächst oft mit anderen Anliegen auf uns zu: Sie haben Probleme mit Behörden oder benötigen Hilfe bei der Beantragung von Leistungen. Wir müssen also zuerst diese oft existenziellen Fragen klären, bevor wir über die Sucht sprechen können. Der erste Schritt ist getan und später hat der Betroffene vielleicht auch den Mut, sich mit seiner Sucht auseinanderzusetzen.

Die Einrichtung liegt in Hamburg-Billstedt. Das Park In ist – wie der Name nahelegt – Teil eines großen Parkhauskomplexes, zu dem auch ein Supermarkt gehört. Wer die Beratungsstelle betritt, landet in einem gemütlichen Aufenthaltsraum. An einer Theke gibt es Kaffee, Tee und Mineralwasser und – auf Bestellung – sogar ein Mittagessen. Im Nebenraum stehen Waschmaschinen für die Klienten. Es gibt Duschen und eine Kleiderkammer. Das Park In hat den Auftrag, süchtige Menschen bestenfalls in das Suchthilfesystem zu vermitteln. Oft gilt es jedoch, zunächst einer Verschlimmerung des Ist-Zustandes entgegenzuwirken, die sogenannte „Harm Reduction“.

Wie unterstützt das Park In seine Klienten?

Wir helfen erstmal ganz praktisch. Neben unseren Basisangeboten geht es um Sozialarbeit im weitesten Sinne. Wir unterstützen bei der Beantragung von Leistungen, bieten eine Postadresse und eine Geldverwaltung an. Oft ist der erste Schritt die Hilfe bei der Beschaffung eines Personalausweises. Auch wenn es Ärger mit den Nachbarn, dem Vermieter oder den Behörden gibt, versuchen wir zu vermitteln. Diese Basis ist einfach entscheidend. Es geht also zunächst darum, eine Beziehung aufzubauen und Vertrauen zu schaffen. Die wenigsten kommen ja mit dem Anliegen: „Ich bin suchtkrank“. Im Gespräch versuchen wir dann, behutsam herauszuarbeiten, welche Rolle zum Beispiel der Konsum von Alkohol spielt.

Wie reagieren die Klienten, wenn das Thema Sucht zur Sprache kommt?

Das ist sehr unterschiedlich. Manche sind sich ihrer Sucht sehr bewusst und verzweifelt, haben den Kampf vielleicht schon aufgegeben, andere haben dagegen noch gar keine Krankheitseinsicht. „So schlimm ist es bei mir nicht“, hören wir aber oft. „Ich trinke ja nur Bier.“ Gleichzeitig grenzen sich viele von anderen Abhängigkeitserkrankungen ab, nach dem Motto: „Ich bin nur Alkoholiker, kein Junkie.“ Dabei wird oft übersehen, dass Alkohol ein Zellgift ist und die körperlichen Folgen sehr unterschiedlich ausfallen.

Wie beraten Sie die Betroffenen?

Das ist sehr individuell. Wir stellen Fragen, hören zu und achten auf Zwischentöne: Wie erzählt jemand seine Geschichte, welche Erfahrungen prägen sein Denken, Fühlen und Handeln? Wenn wir den Klienten etwas kennengelernt haben, greifen wir auf ein umfangreiches Netzwerk in Hamburg zurück. Das reicht von Entgiftungsstationen bis hin zu Fachkliniken.

Wie wird der Betroffene behandelt?

Der erste Schritt ist in jedem Fall ein qualifizierter Entzug, meist stationär, im besten Fall 21 Tage im Krankenhaus. Medikamente unterstützen den körperlichen Entzug und wirken Entzugserscheinungen wie Krampfanfällen und Delir entgegen. Parallel dazu gibt es ein umfangreiches Angebot, zum Beispiel Fachkliniken, Selbsthilfegruppen, Sport- und Freizeitangebote und weitere individuelle Hilfen. Für unsere Klienten empfehlen wir als Anschlussmaßnahme oftmals eine „Stationäre Vorsorge“. Hier können Betroffene während eines mehrwöchigen stationären Aufenthalts ihre Abstinenz festigen und die Zeit bis zum Übergang in die weiterführende Rehabilitation in einem therapeutischen Setting überbrücken.

Am Ende spielen Selbsthilfegruppen wie die Guttempler oder die Anonymen Alkoholiker eine zentrale Rolle. Sie helfen dabei, die in der Therapie gewonnene Stabilität in den Alltag zu übertragen. Wichtig ist jedoch, dass die Betroffenen eine Gruppe finden, in der sie sich wohlfühlen – schließlich passen nicht alle Menschen gleichermaßen zusammen. Viele haben anfangs Hemmungen, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen. Doch die Erfahrung zeigt: Der Austausch mit anderen, die ähnliches durchlebt haben, kann außerordentlich hilfreich sein.

Welche Rolle spielen Rückfälle?

Rückfälle gehören zum Krankheitsbild. Dennoch empfinden Betroffene sie häufig als persönliches Versagen und reagieren mit Scham und Rückzug – gerade in einer Phase, in der Unterstützung besonders wichtig wäre. Hinzu kommt, dass die Versuchungen im Alltag allgegenwärtig sind: Alkohol ist legal, leicht verfügbar und gehört für viele selbstverständlich zum öffentlichen Leben. Gleichzeitig zeigt sich bei vielen Betroffenen ein weiteres Muster: Wenn eine Abhängigkeit überwunden wird, tritt nicht selten eine andere an ihre Stelle. Manche trinken nicht mehr, greifen dafür häufiger zur Zigarette oder auch zu Süßigkeiten; andere wechseln von illegalen Substanzen zu Alkohol. Diese sogenannte Suchtverlagerung macht deutlich, wie vielschichtig und komplex Suchterkrankungen sind.

Gibt es auch Erfolgsgeschichten?

Ja, und die sind sehr wichtig. Wenn sich Menschen nach längerer Zeit wieder melden und berichten, dass es ihnen gut geht, zeigt das, dass unsere Arbeit langfristig Wirkung haben kann.

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