Kein hoffnungsloser Fall
Wie die Heilsarmee am Hamburger Hauptbahnhof zweite Chancen ermöglicht
Die Sozialarbeiter der Heilsarmee-Einrichtung Park In in Billstedt kümmern sich um suchtkranke Menschen an den Brennpunkten von Hamburg.
Am Hauptbahnhof in Hamburg beginnen viele Geschichten. Und manche enden dort. Zumindest beinahe. Michael Lenger fährt mit seinem weißen Bus jede Woche nach St. Georg. Für den Sozialarbeiter der Heilsarmee ist das Bahnhofsviertel ein Kristallisationspunkt der Not. „Jeder Fall ist einzigartig“, sagt Lenger.
Doch die Schicksale ähneln sich. Die Menschen geraten aus dem Takt, verlieren Halt – und manchmal auch ihre Adresse: Ein gut gekleideter Mann, Anfang 80, taucht plötzlich im Bahnhofsviertel auf, als die Lage schnell eskaliert: Der Mann trinkt zu viel, irrt umher, stürzt und wird schließlich vom Rettungsdienst betrunken und hilflos in die Notaufnahme gebracht. Da er sich nicht weiter verletzt hat, kann er am Morgen wieder nüchtern entlassen werden. Allerding irrt der schwerhörige Mann, der sehr resolut auftritt, nun wieder den ganzen Tag im Umfeld des Hamburger Hauptbahnhofes umher. Er ist alkoholisiert, seine Kleidung inzwischen schmutzig. Schließlich landet er erneut in der Notaufnahme.
Am darauffolgenden Morgen übergibt das Pflegepersonal der Notaufnahme im Rahmen einer Kooperation den Fall an die Sozialarbeiter des Park In. Ein richtiges Gespräch ist mit dem Mann kaum möglich; es stellt sich heraus, dass er der Meinung ist, in Frankfurt am Main zu sein. Es folgt eine fast detektivische Rekonstruktion. Es gibt Hinweise, dass er in einem Hotel direkt am Hauptbahnhof gewohnt hat. Er hat sich dort tatsächlich am Tag zuvor aufgehalten, allerdings nur in der Lobby.
Wer ist dieser Mann? Woher kommt er?
Gemeinsam mit den Hotelmitarbeitern findet man heraus: Die Spur führt tatsächlich nach Frankfurt am Main, wo der Mann in einem Pflegeheim untergebracht ist. Von dort war er vor einigen Tagen aufgebrochen. Er stieg in einen Zug und landete am Hamburger Hauptbahnhof – Demenz und Alkohol ließen ihn verwirrt zurück. „Gerade ältere Menschen verschwinden mitunter unbemerkt aus betreuten Strukturen und tauchen an Orten wie Bahnhöfen wieder auf,“ berichtet Lenger. Sie drohen in der Obdachlosigkeit zu versinken.
In diesem Fall hat jedoch ein gut funktionierendes Netzwerk gegriffen. Inzwischen gab es einen Kontakt mit dem Pflegeheim, die Rückreise mit dem ICE ist schnell organisiert. Der Mann wird zum Gleis und bis in den Zug begleitet, die Zugbegleiterin ist informiert und achtet darauf, dass der Passagier erst in Frankfurt am Main aussteigt. Dort steht dann das Pflegepersonal bereit, um ihn in Empfang zu nehmen. „Innerhalb von zwei bis drei Tagen war der Fall gelöst“, freut sich Lenger. Doch solche Lösungen funktionieren nur im Zusammenspiel: Das Pflegepersonal der Notaufnahme, die Sozialarbeiter des Park In, aufmerksame Hotelmitarbeiter und die Pflegeeinrichtung müssen miteinander sprechen.
„Hoffnungsloser Fall“?
Der Süden des Hauptbahnhofes mit dem trostlosen Fischerturm aus den 70er Jahren ist ein heißes Pflaster: Drogen und Alkohol, Schlägereien und Messerattacken gehören zu Tagesordnung. Hier lebte Wolfgang*. In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts lag der junge Mann auf einer Matratze, trank und bettelte. Er war ein „hoffnungsloser Fall“, sagt Sabine Ohlrogge, die gemeinsam mit Michael Lenger das Park In in Billstedt leitet. Seine Lebensumstände waren so prekär, dass sich sogar der damalige Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau persönlich ein Bild machte und ihn am Fischerturm aufsuchte.
Auch die Heilsarmee sprach Wolfgang bei ihren Einsätzen am Hauptbahnhof an. Ein zentrales Ziel der Straßensozialarbeit sei es, Menschen in Hilfesysteme zu integrieren, erklärt Ohlrogge. Viele der Betroffenen hatten zuvor keinen Kontakt zu entsprechenden Angeboten. Oder sie sind aus ihnen herausgefallen. „Wir versuchen, den Süchtigen ein Angebot zu machen“, sagt Lenger: „Der entscheidende Schritt ist oft, dass jemand überhaupt ins Auto steigt und mitkommt – dass er den Mut fasst, unsere Einrichtung kennenzulernen.“
Der Heilsarmee-Treffpunkt in Billstedt – acht Haltestellen vom Hauptbahnhof entfernt – hat für Menschen, die oft oder dauerhaft auf der Straße leben, viel zu bieten: Die Gäste können in einem großen Aufenthaltsraum Kaffee trinken, Mittag essen, Wäsche waschen, Kleidung wechseln und sogar eine Ärztin besuchen. Die Einrichtung bietet Obdachlosen eine Postadresse und hilft mittels einer Geldverwaltung, z.B. mit der Grundsicherung über den Monat zu kommen und wichtige Verbindlichkeiten rechtzeitig zu bezahlen. Eine kostenlose Akupunktur nach dem NADA-Protokoll und Selbsthilfegruppen runden das Angebot ab. Und natürlich gibt es viele Gespräche rund um die Sucht: „Wir wissen, dass viele unserer Klientinnen und Klienten trinken – und wir arbeiten auch mit ihnen, wenn sie angetrunken sind, solange ein Gespräch noch möglich ist“, sagt Ohlrogge.
Kehrtwende dank individueller Beratung
Doch wie sieht die Beratung aus? „Das ist sehr individuell", berichtet Michael Lenger. „Wir stellen Fragen, hören zu und achten auf Zwischentöne: Wie erzählt jemand seine Geschichte, welche Erfahrungen prägen sein Denken, Fühlen und Handeln? Wenn wir den Klienten etwas kennen gelernt haben, greifen wir auf ein umfangreiches Netzwerk in Hamburg zurück. Das reicht von Entgiftungsstationen bis hin zu Fachkliniken."
Auch Wolfgang entschloss sich irgendwann, mit dem Straßensozialarbeiter-Bus nach Billstedt zu fahren. Es gelang dem Team der Heilsarmee, den Mann zunächst in eine Entzugsmaßnahme und anschließend in eine Therapie zu vermitteln. Schritt für Schritt stabilisierte sich seine Situation: Wolfgang fand zurück in einen geregelten Alltag, bezog eine eigene Wohnung und nahm eine Arbeit in einer Reinigungsfirma auf.
„Lange Zeit haben wir nichts mehr von ihm gehört“, sagt Ohlrogge. Dann tauchten kürzlich 4.000 Euro auf dem Konto der Heilsarmee-Einrichtung auf. Wolfgang, mittlerweile 75 Jahre, hat sich mit einer großzügigen Spende zurückgemeldet. Das Geld soll in die Basishilfe sowie in die Ausstattung der Kleiderkammer fließen – also genau in jene niedrigschwelligen Angebote der Heilsarmee, die für viele Menschen am Anfang eines langen Weges zurück in ein geregeltes Leben stehen.
*Name geändert