Lektionen aus Liberia

Inmitten von Armut und Zerstörung aus dem Glauben leben

Majorin Anne Venables im Gespräch mit Schulkindern.

Auch Monate nach meiner Rückkehr aus dem westafrikanischen Land Liberia erinnere ich mich noch oft daran. Manche Erinnerungen sind schön, wie an die kleine Kindergruppe, die im Korps Salala „Building up the Temple“ sang. Oder an die Freude von Leutnantin Rachel Stewart, als sie uns stolz das neue Haus zeigte, das für sie und ihren Mann, Leutnant Lincoln Stewart, hinter dem Korpsgebäude von Mount Barkley errichtet wurde.

Manche Erinnerungen sind allerdings weniger schön, zum Beispiel an die schwelenden Müllhaufen neben dem geschäftigen Markt in Monrovia, der Landeshauptstadt. Oder an die vier kleinen Jungen auf dem Land, die in den Dschungel flohen, als wir anhielten, um sie zu fotografieren. Sie hielten uns für „Heart Men“, die sie entführen wollten, um sie bei irgendwelchen Ritualen zu töten.

In Liberia und seinem Nachbarland Sierra Leone herrschte jahrelang Bürgerkrieg, der überall seine Spuren hinterlassen hat. Auch zehn Jahre nach dem Ende des Krieges sieht man noch verlassene Gebäude, die von Einschusslöchern durchsiebt sind. Jeder, den wir trafen, hatte eine Geschichte zu erzählen, welche Folgen der Krieg für ihn hatte. Viele verloren ihr Zuhause, Freunde oder Angehörige, und ihr Leben hat sich für immer verändert. Und doch spürt man inmitten von Armut und Zerstörung auch einen wunderbaren Geist der Hoffnung.

Schüler der "John Gowans Junior and Senior High School"

Die Heilsarmee setzt sich in Liberia besonders für Bildung ein. Durch ihre zwölf allgemeinbildenden und beruflichen Schulen bekommen junge Menschen eine Perspektive und Hoffnung für die Zukunft. In der „John Gowans Junior and Senior High School“ (Sekundarschule) in Salala trafen wir Schülerinnen, die bereits über 20 Jahre alt waren. Sie konnten während des Bürgerkriegs keine Schule besuchen, doch nun freuen sie sich, trotz ihres Alters noch einen Schulabschluss machen zu können.

Kein Geld für die Schule

Das bewegendste Erlebnis hatte ich in der „Albert Orsborn Primary and Elementary School“ (Grundschule) in Kakata. Die Klassenzimmer waren voll eifriger Kinder, ordentlich gekleidet in ihren grau-weißen Uniformen. Ich war beeindruckt, wie aufmerksam sie den Lehrern zuhörten. Vor dem Gebäude saß auf einer Treppe ein kleiner Junge von etwa fünf oder sechs Jahren. Er saß still da und schaute zu, wie wir zusammen mit einer einheimischen Frau Milch für die Schüler vorbereiteten. Bei unserem Rundgang über das Schulgelände folgte er in einem gewissen Abstand und schaute weiter zu. Ich bat den Offizier, mir seine Geschichte zu erzählen.

Der Junge heißt Chris. Jeden Morgen geht er etwa eine Stunde lang zu Fuß zur Schule, weil er lernen und mit anderen Kindern zusammen sein möchte. Leider kann sich seine Familie die 50 Dollar im Jahr für die Schuluniform und das Schulgeld nicht leisten. Ich bot sofort an, für ihn zu bezahlen, doch die Reaktion war: „Und was wird nächstes Jahr? Wer wird nächstes Jahr bezahlen? Und was ist mit den Hunderten anderer Kinder, die nicht zur Schule gehen können? Wer wird für sie bezahlen?“ Ich konnte nur noch daran denken, dass jeder meiner Freunde und Familienangehörigen leicht 50 Dollar entbehren könnte. Sie könnten leicht dafür sorgen, dass Kinder wie Chris die Bildung bekommen, die sie so dringend wollen und brauchen. In Liberia gibt es eine Redensart: „Ein geteiltes Problem ist ein leicht zu lösendes Problem.“

Nächste Schritte

Wir müssen uns einbringen und uns für Programme wie „Partners in Mission“ engagieren, um Chris und Tausenden wie ihm zu helfen. Wie können wir das tun? Wir sind reich an materiellen Gütern. Wir haben nicht nur Essen, Unterkunft und Wasser. Viele von uns haben ein Einkommen und könnten dies mit Menschen in Not teilen. Doch welche Rolle spielen unsere Partnerterritorien bei dieser Zusammenarbeit? Die Antwort wurde mir während meines Besuchs mehr als deutlich. Sie können uns so viel darüber lehren, wie man aus dem Glauben lebt. Überall, wohin ich ging, traf ich Menschen, die voll Freude und Dankbarkeit für das waren, was sie hatten. Sie verkörperten die Botschaft des Apostels Paulus: „Ob ich nun wenig oder viel habe, ich habe gelernt, mit jeder Situation fertig zu werden: Ich kann einen vollen oder einen leeren Magen haben, Überfluss erleben oder Mangel leiden. Denn alles ist mir möglich durch Christus, der mir die Kraft gibt, die ich brauche“ (Philipper 4,12-13).

Wir können von dem Glauben und Vertrauen der Salutisten in unseren Partnerterritorien lernen. Wir können von ihrem einfachen Lebensstil lernen, der mehr auf Gemeinschaft und Familie baut und weniger auf Besitz. Wir können lernen, uns in allen Lebenslagen zu freuen. Unsere Partnerterritorien leben aus dem Glauben, dass sie die Unterstützung bekommen werden, die sie brauchen, um ihren Auftrag zu erfüllen. Und unsere Gaben durch „Partners in Mission“ helfen dabei, genau das zu tun.

Majorin Anne Venables
ist Divisionale Direktorin der Frauenorganisationen in der Division Quebec, Kanada.

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