Trödeln erlaubt!
Das Schaufenster ist liebevoll dekoriert. Laternen, Kerzen und Blumentöpfe stehen auf der langen Fensterbank. Von außen fällt der Blick sofort auf eine Sitzgruppe, die sich um einen Wohnzimmertisch aus Holz gruppiert. Doch weder das rote Sofa noch die Korbstühle tragen Preisschilder. „Diese Möbel sind für unsere Besucher“, sagt Heike Oesterlen, Sozialpädagogin und Leiterin des Ladens. „Wir sind nicht nur ein Second-Hand-Laden, sondern vor allem ein soziales Angebot. Die Stadt Solingen unterstützt uns dabei.“
Zwei Großmütter plaudern über ihre Enkel, eine junge Frau mit Kinderwagen wühlt in einer Trödelkiste, in der Sitzgruppe stöbert ein Herr in der ausliegenden Tageszeitung. Eine Tasse Kaffee steht auf dem Tisch. Er sei oft hier. Gekauft habe er heute noch nichts, sagt er. „Wir sind auch so eine Art Nachbarschaftstreff“, erläutert Oesterlen. Deswegen bietet der Second-Hand-Laden auch Getränke an. Besonders ältere Menschen stehen für sie im Fokus. „Die Geschäfte im Viertel machen zu, es gibt immer weniger Orte der Begegnung“, sagt sie.
Vor vier Jahren rief Heike Oesterlen in Solingen die „Zweite Chance“ ins Leben. Im Hintergrund steht ein wohldurchdachtes Konzept: „Ich habe viel in Second-Hand-Läden gearbeitet“, sagt die studierte Sozialpädagogin. „Die Schwelle ist in solchen Läden niedrig. Viele kommen, um zu stöbern. So ergeben sich Gespräche und soziale Kontakte.“ Am Anfang fand der Second-Hand-Verkauf in den Räumen der Heilsarmee Solingen statt. Mittlerweile ist das Geschäft in einem großen Lokal gegenüber. Es gibt einen großen Verkaufsraum, einen Lagerraum und eine Küche, in der auch die gespendete Kaffeemaschine steht.
Stilberater und Ratgeber
Ohne das Team aus ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kann die „Zweite Chance“ nicht existieren. Die Freiwilligen stehen nicht nur an der Kasse oder sortieren die Waren. Sie sind auch Zuhörer und Gesprächspartner, Ratgeber in Lebensfragen und manchmal auch Stilberater: Passt die blaue Hose zum gelben Schal?
Second Hand ist für Elke Fleischmann eine Lebensphilosophie: „Ich versuche, möglichst wenig wegzuwerfen. So bin ich aufgewachsen“, erzählt sie. Elke übernimmt jede Woche mehrere Schichten, obwohl sie beruflich und privat sehr eingespannt ist. Sie arbeitet noch im Geschäft ihres Mannes und kümmert sich um die pflegebedürftigen Eltern. „Wir sind hier ein tolles Team“, betont sie. Einen besonders engen Kontakt hat sie zu Monika Gruhlke. Sie ist zweimal in der Woche im Laden, dienstags und freitags. „Zu Hause sitzen und Rente, das reicht mir nicht“, sagt sie. „Ich freue mich jedes Mal, wenn die Kunden sich freuen, weil sie etwas Gutes gefunden haben. Meine Schwester kommt extra hierhin aus Meerbusch. Es sind mittlerweile so viele Stammkunden, die einen kennen.“
Heike Oesterlen sorgt nicht nur für das gute Klima in der Belegschaft. Die Leiterin organisiert auch das Rahmenprogramm des Ladens, organisiert Englischkurse, ein Repaircafé und veranstaltet Weihnachtsfeiern und Mitarbeiterausflüge. Auch wenn Kunden mit größeren Sorgen in den Laden kommen, ist die Sozialpädagogin als Expertin dabei. „Es gibt ja in der Stadt viele Beratungsstellen. Wir haben hier eine Lotsenfunktion und versuchen, den richtigen Ansprechpartner zu vermitteln“, erklärt sie. Viele Gespräche, so Oesterlen, drehen sich um den Verlust eines lieben Menschen oder um schwere Krankheiten. Dabei kommen oft Glaubensfragen ins Spiel. Heike hört zu, fragt nach, spendet Zuversicht. „Ohne meinen Glauben könnte ich das nicht machen“, sagt Oesterlen, die in einer Heilsarmee-Familie aufgewachsen ist. „Ich denke, das spüren die Menschen.“