Von der Psychatrie ins Rotlichtviertel

Die Ärztin Karla Meier kämpft bei der Heilsarmee gegen Menschenhandel.

Karla Meier, Foto: Heilsarmee

Der Anblick war verstörend. Junge Mädchen trugen ein Schild um den Hals: 20 Minuten für umgerechnet 12 Euro. Karla Meier war auf dem Weg in ihr Hotel in ein Rotlichtviertel geraten. Sie verbrachte im März 2025 mit ihrer Familie ein paar Urlaubstage in Asien. Plötzlich klingelte ihr Smartphone. Am anderen Ende der Leitung melde sich Oberstleutnant Achim Janowski, Chefsekretär des Heilsarmee-Territoriums in Deutschland, Litauen und Polen. Ob sie sich denn vorstellen könnte, Kontaktperson für Anti Human Trafficking der Heilsarmee zu werden? Angela Fischer aus Berlin, die das Amt lange Zeit erfolgreich übernommen hat, hatte sich in den Ruhestand verabschiedet. Karla Meier musste nicht lange überlegen. Die Heilssoldatin ist mit dem Thema Menschenhandel seit vielen Jahren vertraut.

Die 50-Jährige engagierte sich jahrelang in Hamburg in der Heilsarmee-Rotlicht-Arbeit. Mit einer Gruppe von Christinnen verschiedener Gemeinden ging Karla Meier mittwochs auf den Straßenstrich und in die Bordelle auf der Reeperbahn. Die Streetworker tragen pinke Körbe mit Süßigkeiten und Thermoskannen mit Kakao. So kommen sie schnell in Kontakt mit Frauen die in Prostitution arbeiten. „Gern fragte ich, wie es der Mama geht“, erzählt Karla. Das sei oft ein Einstieg für tiefere Gespräche.

Karlas Mutter ist leider früh an Krebs verstorben. Sie spielte in ihrem religiösen Leben eine Schlüsselrolle. Über sie lernte Karla die Heilsarmee als Kirche kennen. Damals lebte sie noch in den USA. „Ich dachte immer, dass die Salvation Army eine reine Hilfsorganisation sei. So wie das Rote Kreuz. Doch als sich meine Mutter einer OP in einer anderen Stadt unterziehen musste, besuchten wir eine kleine Gemeinde neben dem Krankenhaus. Die Gläubigen dort haben liebevoll für meine Mutter gebetet - es war ein Heilsarmee Korps. Das hat mich sehr beeindruckt.“

Karla kommt aus Texas. Ihr Vater war bei der Luftwaffe. Als Kampfpilot musste er häufig mit seiner Familie umziehen. Auch in Bitburg in der Eifel war er stationiert. „Das ständige Umziehen und das Militär waren für uns normal“, sagt sie. Insofern viel es ihr nicht schwer, 2019 der friedlichsten Armee der Welt beizutreten. Sie wurde Heilssoldatin.

Damals lebte sie schon in Hamburg – der Liebe wegen. Die vierfache Mutter absolvierte in der Hansestadt ein Medizinstudium und arbeitete – bis Ende des letzten Jahres – als Ärztin in der Kinder- und Jugendpsychatrie. Den Beruf hat sie nun aufgegeben, um sich - seit 1. Juni - voll und ganz ihrem neuen Amt zu widmen. 

Als Ärztin in die Kinder und Jugendpsychatrie hat Karla auch viele Kinder und Jugendliche behandelt, die sexuell missbraucht und traumatisiert wurden. Für diese Patienten ende mit der Volljährigkeit leider auch oft die Fürsorge, sagt sie. „Wir müssen stärker auf die jüngeren Opfer schauen, junge Menschen zwischen 18 und 26“, sagt sie. Sie würden oft aus dem Sozialsystem herausfallen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Netzwerkarbeit: „Wir sollen uns mit anderen Organisationen stärker vernetzten, gemeinsam kann man viel mehr erreichen“, sagt sie. Die Rotlichtarbeit der Heilsarmee habe eine lange Tradition - nicht nur in Hamburg und in Hannover, sagt Karla. „Das ist eine gute Basis für mein Amt.“

 

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