Warum Wohnen scheitert

Irena Thurmann

Eine eigene Wohnung gilt als entscheidender Schritt aus der Wohnungslosigkeit. Das Konzept Housing First setzt deshalb auf einen einfachen Grundsatz: Erst die Wohnung, dann die Unterstützung. Doch die Praxis zeigt: Für manche Menschen ist der Weg in ein selbstständiges Leben komplizierter. Irena Thurmann, Einrichtungsleiterin des Williams Booth Hauses der Heilsarmee in Berlin, erlebt täglich, woran das selbstständige Wohnen scheitern kann – und warum es mehr als eine Lösung braucht.

Frau Thurmann, beim Umgang mit Wohnungslosigkeit gibt es unterschiedliche Ansätze. Worin unterscheiden sie sich?

Beim Stufenmodell leben Menschen zunächst in einer Einrichtung und werden Schritt für Schritt auf ein selbstständiges Leben vorbereitet. Sie lernen beispielsweise, ihre Post zu bearbeiten, ihren Alltag zu organisieren und ihre Angelegenheiten zu regeln. Wenn das Betreuungsteam und der Kostenträger der Meinung sind, dass die Person in einer eigenen Wohnung leben kann, folgt der nächste Schritt.

Housing First dreht dieses Prinzip um: Die eigene Wohnung kommt zuerst. Dort sollen die Menschen zur Ruhe kommen und anschließend die Unterstützung erhalten, die sie brauchen. Wenn sie diese wünschen.

Welcher Ansatz funktioniert besser?

Beide können funktionieren, beide können aber auch scheitern. Manche Menschen profitieren von einer intensiven Begleitung. Andere kommen mit einer eigenen Wohnung plötzlich sehr gut zurecht. Eine Wohnung kann sogar Selbstständigkeit fördern. Wir erleben Menschen, die sich plötzlich um ihre Wohnung, ihre Finanzen und ihren Alltag kümmern. Deshalb würde ich mir mehr kleine, für unsere Klienten erreichbare Wohnungen wünschen.

Woran scheitert selbstständiges Wohnen?

Oft an ganz alltäglichen Dingen. Was bedeutet es, eine Wohnung sauber zu halten? Wie versorge ich mich? Wie gehe ich mit meiner Post um? Wie stelle ich einen Antrag? Besonders schwierig ist der Kontakt mit Behörden. Unsere Klienten sind häufig auf Leistungen vom Jobcenter oder Sozialamt angewiesen. Dafür müssen Unterlagen eingereicht, Fristen eingehalten und Termine wahrgenommen werden. Wenn jemand seine Post nicht öffnet oder einen Brief nicht versteht, kann schnell eine ganze Reihe von Problemen entstehen.

Warum ist der Papierkram für manche Menschen so schwer?

Das System ist sehr kompliziert. Man muss nicht nur wissen, dass man einen Anspruch auf eine Leistung hat, sondern auch, welches Amt zuständig ist und welche Unterlagen benötigt werden. Für einen gut organisierten Menschen mag das machbar sein. Für jemanden mit einer psychischen Erkrankung, einer Suchterkrankung oder Lernschwierigkeiten kann es eine enorme Hürde sein.

Was würden Sie sich wünschen?

Offene Beratungsstellen, die dauerhaft finanziert sind. Büros, zu denen die Menschen einfach kommen können, ohne zuerst einen Antrag stellen zu müssen. Dort könnte man gemeinsam Briefe lesen, Anträge ausfüllen, mit Behörden telefonieren oder Menschen zu Terminen begleiten. Das wäre für viele eine große Hilfe.

Eine Wohnung zu bekommen bedeutet also noch nicht, dauerhaft angekommen zu sein?

Nein. Eine Wohnung ist ein ganz entscheidender Schritt, aber sie ist nicht immer die ganze Lösung. Das soziale Umfeld ist ebenfalls wichtig. Wir erleben Menschen, die sich bei uns ein Netzwerk aufgebaut haben. Wenn sie dann in eine Wohnung am Stadtrand ziehen, müssen sie manchmal wieder ganz von vorne anfangen. Manche vereinsamen dadurch.

Warum verlieren viele Menschen erneut ihre Wohnung?

Häufig beginnt es mit der Kommunikation. Die Post wird nicht geöffnet, Nachweise werden nicht eingereicht, Leistungen werden gekürzt und irgendwann kann die Miete nicht mehr bezahlt werden. Deshalb ist es so wichtig, dass Menschen auch nach dem Auszug erreichbar bleiben und Unterstützung bekommen können.

Was bedeutet das für Housing First?

Housing First ist ein wichtiger Ansatz. Aber wir sollten daraus kein Entweder-oder machen. Wir brauchen Housing First, Notübernachtungen und Einrichtungen wie unsere. Zusätzlich brauchen wir niedrigschwellige Beratung und unterschiedliche Wohnformen. Entscheidend ist, dass Menschen nicht erst beweisen müssen, dass sie „wohnfähig“ sind. Gleichzeitig dürfen wir sie aber auch nicht einfach in eine Wohnung setzen und anschließend alleine lassen. Wir brauchen mehr Wohnraum für Menschen, die auf dem normalen Wohnungsmarkt kaum eine Chance haben – etwa wegen Schulden oder eines negativen Schufa-Eintrags. Und wir brauchen Unterstützung, die auch längerfristig möglich ist. Wohnungslosigkeit hat unterschiedliche Ursachen. Deshalb kann es auch nicht die eine Lösung für alle geben.

 

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