Wie bringt man Männer zum Putzen?
Hauswirtschaft im Kölner Wickberg-Haus
Rosa Carpentieri hat’s nicht einfach: Tag für Tag muss sie Männer zu Tätigkeiten motivieren, die so gar nicht in das klassische Rollenbild passen – zum Beispiel Wäsche waschen oder Toiletten putzen.
Das Reich von Rosa Carpentieri liegt im Untergeschoss des Erik-Wickberg-Hauses im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Eine Wendeltreppe führt von der Küche hinunter in einen neonbeleuchteten Gang mit Lagerräumen. Der erste Blick fällt in einen Raum mit Trocknern und Waschmaschinen. In der Kleiderkammer gegenüber hängen Hemden, Pullover und Mäntel. Die Bettwäsche ist sorgfältig gestapelt. Jeder, der ein Zimmer im Männerwohnheim bezieht, kann sich hier ausstatten. „Viele kommen direkt von der Straße oder aus dem Gefängnis und haben nichts“, sagt die gebürtige Italienerin. Auch Küchenutensilien wie Teller und Tassen stehen bereit. „Das sind alles Spenden aus der Nachbarschaft“, erzählt sie.
Auch die Klebepistole kommt zum Einsatz
Im Nebenraum liegt ihr Büro. Gerade hat sie den Einsatzplan am PC geöffnet. „Jeden Morgen kommen zwölf Männer zu mir“, sagt sie. Sie putzen die Duschen und die Toiletten, jäten Unkraut im Garten, kümmern sich um die Wäsche oder helfen in der Küche. Für jeden hat Rosa Carpentieri eine passende Aufgabe. „Wir nähen hier auch Sitzkissen oder basteln“, sagt sie und hält eine Schachtel mit Serviettenringen hoch. „Die haben wir mit der Klebepistole gemacht. An Festtagen kommen sie zum Einsatz“, erzählt sie. „Es gibt Männer, die man sofort einsetzen kann. Die haben schon mal gearbeitet oder eine Ausbildung gemacht. Für andere muss ich mir erst etwas überlegen.“
Für ihre Arbeit erhalten die Männer eine „Aufwandsentschädigung“. Sie haben die Wahl zwischen der Holzwerkstatt, der Hauswirtschaft, der Haustechnik oder dem Café auf dem Gelände. Doch egal, wofür sie sich entscheiden: Das Wichtigste ist die Tagesstruktur. „Kaum jemand möchte ziellos im Zimmer oder in der Stadt herumhängen. Am Ende wissen die Männer, dass sie etwas geschafft haben. Das gibt Selbstvertrauen“, sagt sie.
Die Bewohner werden immer jünger
Im Erik-Wickberg-Haus wohnen derzeit 66 Männer. Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer – seinen kleinen persönlichen Rückzugsort. Im Durchschnitt bleiben sie zwei Jahre im Haus, manche auch länger. Inzwischen gibt es eine lange Warteliste, denn die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt verschärft die Situation.
Seit 20 Jahren arbeitet Rosa Carpentieri inzwischen im Erik-Wickberg-Haus. „Ich bin in den Job reingewachsen", berichtet sie. Ursprünglich hat sie in einer Fabrik gearbeitet. Jetzt leitet sie die Hauswirtschaft der Einrichtung. Unzählige Männer hat sie in dieser Zeit begleitet, darunter auch viele mit einer dunklen Geschichte. Angst habe sie aber nie gehabt. Die Klientel hat sich in dieser Zeit stark verändert. „Früher hat es viele Trinker gegeben“, sagt sie. Heute geht es häufig um Mehrfachabhängigkeiten. Und die Bewohner würden immer jünger.
Was aus den Männern, die das Wohnheim wieder verlassen haben, wohl geworden ist? Rückmeldungen gebe es leider selten. Doch auf ihrem Schreibtisch steht eine kleine Stele aus Glas mit einem eingravierten Text. Er stammt von einem ehemaligen Bewohner: „Danke für alles, Rosa. Du ahnst nicht, wie sehr du mir auf meinem Weg geholfen und Mut gemacht hast. Du gibst mir die Sicherheit, weiterzumachen.“