„Zweite Chance“ auf Litauisch

Artūras Pargacevskis (rechts) mit Olegas Riutkenen, dem er bei den Sozialstunden zur Hand geht.

Als Artūras Pargacevskis 2008 durch Freunde aus seiner freien Gemeinde von der Heilsarmee hörte, hatte er schwere Jahre hinter sich. Als junger Student war er nach einer feuchtfröhlichen Party aus dem dritten Stock eines Hauses gestürzt und hatte sich ein Polytrauma mit schweren Kopfverletzungen zugezogen. Nachdem er nach einigen Wochen aus dem Koma erwacht war, nahm er sich vor, das Rehazentrum auf seinen eigenen Beinen zu verlassen. Wie durch ein Wunder wurde dieser Traum wahr. Aufgrund der Schwere der Verletzungen und einiger physischer Einschränkungen bescheinigte ihm der auf Lebenszeit ausgestellte Schwerbehindertenausweis jedoch nur eine Arbeitsfähigkeit von 30 Prozent.

In einer nichtchristlichen Familie aufgewachsen, hatte sich Artūras nach seinem Unfall auf die Suche nach Gott gemacht. Zunächst in der katholischen Kirche, später auch in Freikirchen. An der Universität von Klaipeda studierte er schließlich Evangelische Theologie. Das Studium kostete ihn viel Kraft und Einsatz, da es ihm infolge seiner Kopfverletzungen bis heute schwerfällt, neue Informationen aufzunehmen und zu behalten.

Leider eröffnete aber der Bachelorabschluss keine Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Schließlich schlugen ihm in Klaipeda lebende kanadische Freunde vor, doch einmal bei der Heilsarmee anzufragen, ob es dort nicht eine Aufgabe für ihn geben könnte. Dort hatte man nach kurzem Kennenlernen die Idee, dass Artūras als Ehrenamtlicher bei den Sozialstunden mithelfen könne. Er begann Kleidung, Seife und Handtücher an Besucher auszugeben, die zum Duschen gekommen waren, und half manchmal sogar ganz praktisch Obdachlosen, die körperlich schwächer waren als er. Viele wohnungslose Menschen waren davon sehr beeindruckt. Artūras’ Leben veränderte sich durch die neue Aufgabe, die ihm Freude machte und sinnvoll war.

Nach einigen Jahren tat sich mit Unterstützung des litauischen Arbeitsamtes die Möglichkeit auf, einen geförderten Arbeitsplatz für Artūras einzurichten. 60 Prozent der Kosten übernimmt auf unbegrenzte Zeit die Behörde, 40 Prozent der Halbtagsstelle hat die Heilsarmee zu tragen. Artūras hilft jetzt nicht nur bei der Obdachlosenarbeit mit, sondern auch bei der Vorbereitung des gelegentlichen Second-Hand-Verkaufs, aus dessen Erlös der Kostenanteil der Heilsarmee gedeckt wird. Er hat zum ersten Mal in seinem Leben zusätzlich zu seiner Behindertenrente ein eigenes Einkommen. Dieser Umstand erlaubte es ihm, eine kleine Sozialwohnung anzumieten und erstmals selbstständig zu leben. Im November 2018 feierten wir mit ihm, dass Artūras bereits seit zehn Jahren bei der Heilsarmee Dienst tut. Schon lange ist diese auch zu seinem zweiten Zuhause geworden, zu seiner zweiten Familie. Vor einigen Jahren hat er sich bereits unserer Gemeinde angeschlossen.

Majorin Susanne Kettler-Riutkenen

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