In der Küche den Kopf frei kriegen
Männer leiden besonders stark unter Drogen. Darauf weist die Heilsarmee am Internationalen Tag der Männer hin.
Männer leiden besonders stark unter illegalen Drogen. Darauf weist die Heilsarmee am Internationalen Tag der Männer (19. November) hin. Sie konsumieren - nach Angaben der Bundesregierung - doppelt so häufig wie Frauen Heroin oder andere Opioide. Der Entzug ist für viele abhängige Männer eine Lebensaufgabe - oft mit bitteren Rückschlägen.
„Putenschnitzel mit Paprikasauce und Wedges” steht auf der Schiefertafel. Noch fällt sanftes Morgenlicht in den Gastraum des Erik-Wickberg-Hauses in Köln. Die Tische sind leer. Auf einer Anrichte stapelt sich gebrauchtes Frühstücksgeschirr. Es ist noch etwas Zeit. Erst um 12 Uhr trudeln die Bewohner und Gäste zum Mittagessen ein. Stefan* hat sich seine weiße Schürze umgebunden. Er füllt die Kanister der großen Gastro-Spülmaschine mit Klarspüler und Lauge. Seine Chefin, eine ausgebildete Köchin, paniert gerade die Schnitzel. Ein Kollege aus der Morgenschicht, ebenfalls ein Bewohner des Hauses, schält die Kartoffeln. Das Wasser im großen Kochtopf blubbert, Dampf zieht durch die Küche. Stefan freut sich jeden Morgen darauf, hier zu sein. „Ich brauche diese Struktur, das ist mir ganz wichtig”, sagt er. „Die Arbeit lenkt ab, man kriegt den Kopf wieder frei.”
Sein Kopf ist tatsächlich voll. Das letzte Jahr hat Stefan überrollt. Seine Frau hat ihn verlassen, er verlor seinen Job, dann die Wohnung. Die Vergangenheit hat den 55-Jährigen, nach Jahren der Abstinenz, wieder eingeholt. „Ich bin rückfällig geworden”, gesteht er. Seit gut einem halben Jahr wohnt er im Kölner Männerwohnheim. Er will es noch mal versuchen, will nicht aufgeben. „Ich habe es schon mal geschafft, 15 Jahre clean zu sein”, sagt Stefan stolz. „Es ist halt nicht einfach", fügt er nach einer kurzen Pause hinzu.
Stefan ist in Therapie. Er nimmt jetzt Polamidon. Der Stoff ersetzt Heroin, mildert die Entzugserscheinungen und reduziert den Suchtdruck. Die Umstellung ist hart, die Psyche spielt nicht immer mit. Doch im Wickberg-Haus fühlt sich Stefan gut aufgehoben. Er nennt ein Beispiel. Im Wohnheim habe sich in der vergangenen Woche ein Bewohner komplett zurückgezogen. „Dem ging es psychisch richtig schlecht”, betont er. Trotzdem sei er nicht allein gewesen: „Sogar die Mitbewohner klopften und fragten, was los ist." Das sei schon eine gute Gemeinschaft - auch wenn die Männer hier ganz unterschiedlich seien.
Für die Arbeit in der Küche hat sich Stefan freiwillig entschieden. „Man wird hier nicht unter Druck gesetzt", betont er. „Die arbeiten mit einem, du wirst gefragt, das fand ich sehr gut.” Nun verbringt er den ganzen Vormittag mit zwei weiteren Mitbewohnern in der Küche: Er spült das dreckige Geschirr, säubert Töpfe, wischt die Herde ab, schält Kartoffeln oder schneidet Wurst oder Käse. Dafür gibt es - als Anerkennung - sogar etwas Geld.
Wenn die Therapie erfolgreich abgeschlossen ist, möchte Stefan gerne wieder richtig arbeiten. Er hat Industriebuchbinder gelernt. Leider habe er den Anschluss über die Jahre verpasst. Er bräuchte eine Umschulung. Das Arbeitsamt zahle aber nicht. Er sei zu alt, so heißt es auf dem Amt. Trotzdem ist er optimistisch: „Ich habe immer gearbeitet, man findet immer Arbeit", sagt er. Diese Perspektive motiviert ihn. Und dann gibt es ja noch die Familie. Sie wohnt in Köln. Ab und zu ist er dort zum Mittagessen. „Ich bin gerade Opa geworden”, sagt er leise und verschwindet in der Spülküche.
* Der Name wurde geändert.