Kaffee, Brötchen und Gebet
Mit einem Frühstück hilft die Heilsarmee Bedürftigen in Mannheim. Seit 135 Jahren ist sie vor Ort.
Die Schlange reicht bis auf die Straße. Es ist Dienstagmorgen, kurz vor 9 Uhr. Geduldig warten die Menschen vor den Räumen der Heilsarmee in Mannheim. An der Tür steht Peter Leidig. Er trägt eine rote Heilsarmee-Schürze und achtet an diesem Morgen darauf, dass jeder Gast einen Euro in die kleine Kasse wirft. So viel kostet hier das Frühstück. Hinter ihm, vor einem weißen Tisch, wartet Iryna Bondarenko. Die Ukrainerin, ebenfalls eine Ehrenamtlerin, überreicht die Frühstücksbeutel an die Gäste. Er enthält diesmal einen Apfel, Joghurt, Wurst, Käse, Butter, einen Schokoriegel, eine Mineralwasserflasche und eine Postkarte mit einem Psalm. Dazu gibt es ein Brötchen. Eva Kiatipi reicht Kaffee und Tee. Die orthodoxe Christin ist ebenfalls dienstags dabei. „Für mich ist das eine Bereicherung“, sagt die Ehrenamtlerin. Das Team sei großartig.
Freundliche Atmosphäre
Über 100 Frühstücke werden an diesem Tag verteilt. Ein Teil der Gäste nimmt im Gemeinderaum Platz. „Ich freue mich die ganze Woche auf diesen Tag“, schwärmt Birgitta, während sie ihr Marmeladenbrötchen schmiert. Die gelernte Dekorateurin lebt nach einem Unfall vom Bürgergeld. Beim Frühstück der Heilsarmee trifft sie viele Bekannte, zum Beispiel Michael. Der Lagerist ist seit einigen Jahren in Rente. „Ich bin jeden Dienstag hier“, sagte er und nimmt einen Schluck Kaffee. Ihm geht es nicht nur um das günstige Frühstück, sondern auch um die herzliche und freundliche Atmosphäre. Hier sei alles liebevoll dekoriert, ergänzt Birgitta, anders als in den übrigen Ausgabestellen für Bedürftige. Birgitta zeigt auf die Blumenvase auf dem Tisch. Auf den Fensterbänken erinnern Muscheln, Seepferde und Segelschiffe ans Meer. Plötzlich erklingt Musik. Hans Jürgen Brosch, ebenfalls ein ehrenamtlicher Mitarbeiter, hat sich vorne an das Klavier gesetzt. Etwas später bittet Andrea Weber um die Aufmerksamkeit der Gäste. Das Murmeln im Gemeindesaal verstummt. Die Majorin liest die Losungen des Tages und spricht noch ein Gebet.
Großer Ansturm
Das Pastorenpaar Andrea und Stephan Weber leiten seit 10 Jahren die Gemeinde. Da die Räume der Heilsarmee sehr zentral, direkt am Markplatz, liegen, hatten die beiden die Idee, einmal in der Woche ein kostenloses Frühstück anzubieten. Zum Start, am 7. April 2018, standen 27 Frauen und Männer vor der Tür, erinnert sich Andrea Weber. Mit den Jahren wuchs die Schlange. Bis zu 300 Menschen wollten schließlich das „Frühstück to go“. Das habe allerdings die Kapazitäten überschritten. „Wir nehmen jetzt einen Euro pro Gast“, sagt sie.
Mit der Frühstücksaktion sei die Heilsarmee wieder zu ihren Ursprüngen zurückkehrt, sagt Weber. Arme und Bedürftige standen bereits 1890, vor 135 Jahren, im Fokus, als der Kadett Bolduan zusammen mit seiner Frau die Mannheimer Heilsarmee gründete. Aus den Annalen der Gemeinde gibt es nur wenig Material. Im Zweiten Weltkrieg ging viel verloren. Allerdings berichtet die „Neue Mannheimer Zeitung“ 1927 von über 2000 Obdachlosen, die unter Brücken schlafen und auf Bänken kampieren – viel Arbeit für die „Soldaten Christi“ in der Stadt: Die Versammlungssäle seien damals voll gewesen, berichtete eine Zeitzeugin 1980 in der Mannheimer Lokalzeitung. Viele Mahlzeiten für Bedürftige wurden ausgegeben.
Roter Faden
Hilfe für die Ausgrenzten - der rote Faden zieht sich bis heute durch die Geschichte der Gemeinde. Eine wichtige Rolle bei dieser christlichen Aufgabe spielt heute die Ökumene. Für das Frühstück am Dienstag braucht die Heilsarmee rund zehn Freiwillige. Ohne das Engagement von Christen aus anderen Gemeinden wäre das nicht zu stemmen, erklärt Andrea Weber. Die beiden Pastoren, bei der Heilsarmee auch Offiziere genannt, fühlen sich in der Stadt „gut angebunden“ – sowohl von den übrigen Kirchen als auch von der Stadt. „Wir werden hier voll akzeptiert“, freut sich Stephan.
Der Sozialpädagoge kümmert sich unter anderem um die Finanzen und den Einkauf der Lebensmittel. Es sei wichtig, dass in allen Beuteln das Gleiche drin sei. „Sonst gibt es Streit“, sagt der Major. Weber hat bereits seine Jacke angezogen. Er hat noch einen Termin in Karlsruhe. Dort liegt die zweite Gemeinde, die das Paar als Pastoren betreut. Auch hier gibt es nicht nur Gottesdienste und Gesprächskreise, sondern auch ein Frühstücksangebot für Bedürftige.
Die Heilsarmee feiert das 135-jährige Jubiläum am Samstag, den 11. Oktober, mit einem Freigottesdienst am Paradeplatz in Mannheim, einem Kaffeekonzert mit der Brassband um 15.30 Uhr und einem Lobpreisabend um 19 Uhr in den Räumen der Heilsarmee, G3 1, 68159 Mannheim. Am Sonntag, den 12., findet um 11 Uhr ein Festgottesdienst statt mit Bürgermeister Thorsten Riehle und den Obersten der Heilsarmee in Deutschland, Dean und Eirwen Pallant. Gäste sind herzlich willkommen.