Flüchtlingshilfe in Naumburg

„Ihr Leben passte in ein paar Taschen“

Anfang des Jahres 2015 haben wir in unserer Einrichtung „Haltestelle“ ein syrisches Ehepaar mit seinen vier Kindern aufgenommen. Die Familie floh aus Angst, weil bereits der Vater und der Bruder der Frau verhaftet und eingesperrt worden waren. Jetzt ist die Familie endlich in Sicherheit und kann beginnen, die Schrecken des Krieges zu verarbeiten.

Britta Morgner, die bei der Heilsarmee in Naumburg für die Sozialarbeit zuständig ist, hilft den Neuankömmlingen bei vielen Dingen im Alltag. Sie begleitet die Kinder beispielsweise bei Arztbesuchen, macht Behördengänge mit oder hilft und erklärt bei Herausforderungen des Alltags in Deutschland. „Die Familie weiß, dass sie uns keine Last ist, sondern bei Fragen oder Problemen immer zu uns kommen kann“, sagt sie. Die Verständigung läuft dabei mithilfe einer Handy-App, die vom Deutschen ins Arabische übersetzt.

Frau Morgner, warum haben Sie die syrische Familie aufgenommen?

Wir hatten in unserer Wohngemeinschaft Kapazitäten frei. Früher lebten in der Wartezeit bis zur Therapie einige Männer bei uns in der „Haltestelle“. Heute geht es für alkoholkranke Menschen von der Entgiftung nahtlos über in die Therapie. Doch der freie, wertvolle Wohnraum darf nicht ungenutzt bleiben. Und da habe ich überlegt: Wie können wir damit weiterhin Menschen in Not helfen?

Seit Anfang Februar lebt nun ein Ehepaar mit seinen vier Kindern in der Wohngemeinschaft. Wie haben Sie sich „gefunden“?

Nachdem wir uns entschlossen hatten, Flüchtlinge aufzunehmen, wandte ich mich an den Internationalen Bund (IB) in Naumburg. Der Verein für Jugend, Sozial- und Bildungsarbeit koordiniert auch die Unterbringung von Flüchtlingen im Burgenlandkreis. Dann kam von dort relativ schnell eine konkrete Anfrage. Die Familie gehörte zu der Gruppe der sogenannten Kontingentflüchtlinge, die auf die einzelnen Bundesländer aufgeteilt werden. Diese durchlaufen kein Anerkennungsverfahren, sondern haben direkt bei Ankunft in Deutschland eine Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen. Diese Menschen gelten als besonders schutzbedürftig.

Wovor ist die Familie geflohen?

Vor dem Krieg in Syrien, vor den Gewaltakten und dem, was womöglich auf die Familie noch zugekommen wäre. Der Vater und der Bruder der Frau sind in Syrien vom Regime verhaftet und eingesperrt worden. Aus Angst vor Verfolgung war schon eine Schwester geflohen. Und dann, vor drei Jahren, packte auch diese Familie wenige Habseligkeiten zusammen und floh in den Libanon. Von dort kamen sie hierher. Nun braucht es Zeit, bis sie sich nicht nur in einem fremden Land zurechtfinden, sondern auch die Schrecken des Krieges verarbeiten. Anfangs war das nicht einfach. Denn in der Nähe unserer Einrichtung liegt die Zufahrt zum Krankenhaus. Hubschrauber landen regelmäßig, um verletzte Menschen zu bringen. Das alles hat sie immer wieder an den Krieg in ihrer Heimat erinnert. Doch im Laufe der Zeit ist es besser geworden.

Können Sie sich noch an den ersten Moment des Kennenlernens erinnern?

Oh ja, sehr gut. Sie trugen lediglich ein paar Taschen bei sich, nur Kleidung und ein paar Mitbringsel aus der Heimat, wie etwa Tee. Sonst nichts. In Syrien arbeitete der Mann als Zimmermann. Die Familie hatte ein eigenes Haus in Damaskus, und ich denke, ihr Leben vor dem Krieg war nicht anders als unseres. Doch nun passte ihr gesamtes Leben in ein paar Taschen. Sie haben wirklich alles verloren. Ihre Kinder sind zwischen drei und 13 Jahre alt. Ich musste schon schmunzeln, als ich sah, wie die Kleinen relativ schnell die Wohnung eroberten, besonders die Wohnküche. Da lag überall Spielzeug verstreut. Das Leben spielt sich hauptsächlich in der Küche ab.

Vermutlich sprechen Sie kein Arabisch. Wie klappt die Verständigung?

Über mein Handy mit einem Übersetzungsprogramm und einer Vorlesefunktion. Das klappt gut. So konnte ich der Frau auch erklären, wie der Elektroherd funktioniert.

Inwiefern helfen Sie dabei, in den deutschen Alltag hineinzufinden?

Natürlich steht uns der IB immer als Ansprechpartner zur Verfügung und besucht die Familie auch mit einem Übersetzer. Aber der Verein muss sich um 600 Flüchtlinge im Burgenlandkreis kümmern – und wir leben ja mit im Haus. Es waren anfangs ganz praktische Dinge, die wir ihnen gezeigt haben. Wo ist der Supermarkt, der Kinderarzt, wo die Post? Wir machten auch einen Stadtrundgang und begleiten noch immer bei Behördengängen. Dort haben sie auch unsere Telefonnummer als Kontakt, damit wir vermitteln können oder Fragen beantworten.

Dann sind Sie rund um die Uhr beschäftigt mit der Flüchtlingsfamilie?

Oh nein. Anfangs gab es natürlich viel zu klären, aber im Laufe der Zeit kam die Familie immer besser allein zurecht. Die zwei jüngsten Kinder sind drei und sechs Jahre als. Sie gehen in den Kindergarten. Morgens sehe ich sie immer fröhlich dorthin hüpfen. Die beiden Älteren – elf und 13 Jahre alt – besuchen einen Sprachkurs, um bald am Schulunterricht teilnehmen zu können. Und auch die Eltern lernen Deutsch bei ehrenamtlich engagierten Naumburger Bürgern. Nach den Sommerferien können sie dann mit einem Sprachkurs bei der Volkshochschule beginnen.

Wie haben Sie der muslimischen Familie erklärt, wer die Heilsarmee ist?

Es war überhaupt kein Problem, ihnen zu sagen, dass wir Christen und die Heilsarmee eine Kirche ist – und dass dies ein Haus ist für Menschen in Not. Wir erklärten ihnen, dass die Heilsarmee sich um Menschen kümmert, die große Probleme haben, ohne Ansehen der Person. Sie sollen wieder auf die Beine kommen und die Chance auf einen Neuanfang erhalten, zum Beispiel Alkoholkranke oder Drogensüchtige. Und jetzt wollen wir uns eben um diese Familie kümmern, weil auch sie in Not ist. Das nahm die Familie aus Syrien sehr positiv auf. Wir respektieren einander. Ich empfinde es als eine Bereicherung, durch sie eine andere Kultur und andere Gebräuche näher kennenzulernen.

Was wünschen Sie sich für diese Familie?

Vor allem, dass sie sich wohlfühlen in Deutschland und ihre traumatischen Erlebnisse verarbeiten können. Ich wünsche mir, dass die Eltern aufgeschlossen sind für unsere Kultur und unsere Werte und wir einander immer besser kennenlernen. Ich freue mich jedes Mal, wenn wir uns im Hausflur begegnen und ich zu einem arabischen Tee eingeladen werde. Das sind schöne Momente. Wir haben viel Spaß miteinander. Die Familie weiß, dass sie immer zu uns kommen kann bei Fragen oder Problemen. Wir wollen für sie da sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

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