Meine Knasterfahrungen

Wir alle brauchen Vergebung

Die Sängerin und sie hatten kurz zuvor gemeinsam an einem Gottesdienst für Strafgefangene in der JVA Butzbach teilgenommen.

Es sind immer wieder besondere Herausforderungen, aber auch gute Gelegenheiten: Gottesdienste in Justizvollzugsanstalten. Einerseits das mulmige Gefühl, bis man alle Türen und Schleusen durchlaufen hat. Tür auf, durchgehen, Tür zuschließen, zur nächsten Tür gehen und warten, bis diese Tür wieder aufgeschlossen wird. Knast für ein bis zwei Stunden mit der Aussicht schnell wieder raus zu kommen. Anders geht es den Insassen: wenn sie zum Gottesdienst kommen wollen, müssen sie auf einen Kopf drücken, ein Licht geht an, die Zelle wird aufgeschlossen und wenn alle den Gottesdienstraum betreten haben, wird dieser abgeschlossen. Gottesdienst hinter Gittern und verschlossenen Türen.

Mein Part bei diesen Gottesdiensten war oft die Predigt. Man muss die Worte recht wählen um, die Gefühle der Gefangenen nicht zu verletzen. Wenn man im Advent das bekannte Lied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ anstimmt muss man mit Lachern rechnen. Also Achtung bei Wort- und Liedwahl. Andererseits hat der Pastor der Siegener JVA keine Bedenken, das Lied „Wie ein Fest nach langer Trauer“ singen zu lassen. Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl wenn wir an die Stelle kommen: „Wie ein Schlüssel im Gefängnis, so ist Versöhnung, so ist Vergeben und Verzeihn“.

Ich versuche immer deutlich zu machen, dass wir, die Leute von der Heilsarmee, genauso Vergebung brauchen wie jeder andere. Und auch die Insassen einer JVA brauchen Vergebung. Besonders deutlich wurde das, als eines Tages ein Mann bei der Heilsarmee auftauchte. Im Gespräch mit ihm bekam ich einen kleinen Einblick in sein Leben. Er hatte Freigang und suchte Hilfe. Im Affekt hatte er seine Frau erschlagen - dass er seine Strafe absitzen musste, war für ihn die logische Folge seiner Tat. Aber er konnte nicht mit seiner Schuld fertig werden. Schuld am Tod der eigenen Frau, die er doch geliebt hatte. Was hätte er dafür gegeben, die Tat rückgängig machen zu können. Wir sprachen miteinander über Gottes Vergebung, über die Möglichkeit Schuld zu bereuen, zu bekennen und Vergebung zu erfahren. Wir beteten miteinander. Als wir ihn, mit etwas Proviant versorgt, zum Bahnhof brachten, hatte sich bei ihm etwas verändert. Er fuhr zurück ins Gefängnis, seine Strafe musste er weiter absitzen, aber er hatte erfahren was Vergebung bedeutet:        

Wenn wir aber unsere Sünden bereuen und sie bekennen, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott seine Zusage treu und gerecht erfüllt: Er wird unsere Sünden vergeben und uns von allem Bösen reinigen. 1.Johannes 1,9 Hfa 

Major Alfred Preuß

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