Besorgte Eltern

Kapitel 5 aus „Begegnung mit Jesus“


von Howard Webber


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Howard Webber: Begegnung mit Jesus

Howard Webber ist hauptamtlicher Geistlicher bei der Heilsarmee (Offizier) aus England. Er beschreibt sich als ein schüchterner Mensch, der nicht gerne redet und schon gar nicht gerne von Jesus. Was aber passiert, wenn er es trotzdem tut und wie Gottes Liebe dadurch Menschen verändert, - das beschreibt er in seinem Buch „Begegnung mit Jesus“.

Mich haben seine Erlebnisse und Begegnungen mit Jesus sehr berührt. Und genau das wünsche ich mir für mich und uns als Heilsarmee auch – dass wir mitten in unserem Alltag, in den täglichen herausfordernden Situationen, Jesus begegnen. Und erleben, was er bewirken kann.

Nach und nach stellen wir Ihnen monatlich jeweils eine der 20 Lebensgeschichten aus dem Buch von Howard Webber vor. Übersetzt von der Heilsarmee in der Schweiz danken wir herzlich für diese Bereicherung.

Viel Gewinn beim Lesen wünsche ich uns,

Anette Janowski
Entwicklung geistlichen Lebens

 

PS: Das vollständige Buch kann unter diesem Link bestellt werden.

Wenn in einem Korps eine Person für die Leitung eines ­bestimm­ten Bereiches fehlt und es auch keinen Anwärter gibt, haben ­Offiziere ­(Gemeindeleiter) die Wahl: Entweder, sie lösen die Gruppe auf, oder sie übernehmen selbst die Leitung. Ich hatte zwar zwei Sonntagsschulmit­arbeiter für die jüngeren Kinder, die noch nicht schreiben konnten. Mir fehlte allerdings noch jemand für die zweite Gruppe, die älteren Kinder. Also übernahm ich die Leitung einfach selbst. Die lebhafte Gruppe bestand aus zwanzig Kindern von Familien, die regelmäßig an den Gottesdiensten teilnahmen. Zusätzlich einige Kinder von Eltern, die nicht zur Heilsarmee gehörten; oft ­Kinder von Eltern, die keinen Bezug zum Glauben hatten.

Die Sonntage waren immer vollgepackt mit Aktivitäten: ­Vormittagsgottesdienst um 10 Uhr, danach von 11:30 bis 12 Uhr der Gottesdienst im Freien. Anschließend eilte ich zurück nach Hause, um mit meiner Frau und meinen fünf Kindern zu Mittag zu essen, ­bevor ich um 13:30 wieder in den Saal ging, um die Kinder zu begrüßen, die langsam für die Sonntagsschule in den Heilsarmeesaal eintrudelten. In der folgenden, für mich anstrengenden Stunde ging es sehr lebhaft zu. Nachdem ich jeweils das Schlussgebet ge­sprochen hatte, eilte ich vor den Kindern zur Türe hinaus, während die Eltern schon draußen warteten wie im Comic «The Bash Street Kids». Draußen lehnte ich mich gegen die Mauer, während sich die Kinderhorde an mir vorbeirauschend verabschiedete und in die ausgebreiteten Arme ihrer ­Eltern sprang, die sie in Empfang nahm, um mit ihnen ins Auto zu steigen und nach Hause zu fahren.

Als ich wieder einmal erschöpft an der Wand lehnte und die Kinder aus der Sonntagsschule entlassen hatte, erblickte ich über ihre Köpfe hinweg eine Frau, die ich noch nie zuvor gesehen hatte und die mich neugierig musterte. Nachdem die Kinder weg waren und nur noch einige Nachzügler nach draußen trotteten, ging ich zu ihr hinüber und stellte mich vor. Sie hieß Lesley und war die Mutter von Annie und Tom, die an jenem Tag das erste Mal dabei waren.

Ich wollte wissen, was sie dazu bewogen hatte, ihre Kinder zur Sonntagsschule zu bringen. Sie nannte mir zwei Gründe: Erstens machte sie sich Sorgen, dass die Schulen den Kindern keine ­moralischen Werte mehr vermittelten. Sie war selbst Lehrerin, hatte aber zwischenzeitlich eine Pause eingelegt, damit sie sich um ihre Familie kümmern konnte. Zweitens hatte sie schon immer eine gewisse Zuneigung und Respekt für die Heilsarmee und ihren praktischen Umgang mit dem christlichen Glauben gehabt. Ich fragte sie, ob sie denn schon einmal in einem Gottesdienst der Heilsarmee gewesen sei. Sie verneinte.

„Warum kommen Sie nicht einfach mal am Sonntagmorgen vorbei? Wir treffen uns von 10 Uhr bis 11:15 Uhr und Gott schenkt uns seinen Segen. Vielleicht gefällt es Ihnen auch gar nicht, aber es ist alles sehr entspannt. Wenn es nicht Ihr Ding ist, können Sie einfach aufstehen und gehen. Ich weine auch nicht.“

Lesley lächelte.

„Okay, das war gelogen. Aber ich heule erst zu Hause“, fügte ich hinzu.

Nun gesellte sich zu Lesleys Lächeln noch ein Gesichtsausdruck, als wolle sie sagen: „Sie sind mir vielleicht ein Idiot“, obwohl sie in dem Moment womöglich etwas ganz anderes dachte!

Zu meiner großen Freude sah ich Lesley am kommenden Sonntag von der Kanzel aus. Nach dem Gottesdienst schüttelten meine Frau und ich am Ausgang die Hände der Gottesdienstbesucher. ­Lesley ­ver­abschiedete sich bei uns als Erste, mit gesenktem Kopf. Ich wollte sie fragen, ob es ihr gefallen hatte, aber ich wollte auch nicht ­selbstgefällig herüberkommen, weil ich ja schließlich den Gottesdienst geleitet hatte. Daher fragte ich sie einfach, wie es ihr ging.

Sie sah mich aus tränenerfüllten Augen an und sagte: „Ich bin zu Hause angekommen“, griff nach der Türklinke und eilte nach draußen und über die Rasenfläche.

Ich schaute meine Frau an und fragte: „Was war denn da los?“

Die nächsten Wochen besuchte Lesley den Gottesdienst alleine und brachte nachmittags ihre Kinder zur Sonntagsschule. Ab und zu unter­hielten wir uns kurz. Aber bei so vielen anderen Menschen ­ringsum konnte man kaum ein Gespräch führen. Eines Sonntagmorgens fragte ich sie daher, ob ich sie besuchen kommen solle und was ihr Mann dazu sagen würde.

„Kommen Sie ruhig vorbei“, meinte sie und fügte hinzu: „Ich habe meinem Mann schon so viel von Ihnen erzählt und er würde Sie auch gerne kennenlernen.“

„Sie haben ihm schon viel von mir erzählt? Na dann komme ich lieber nicht vorbei“, scherzte ich.

Ich versuche zwar, es zu verbergen, aber ich bin immer nervös, wenn ich jemand Fremdes zum ersten Mal treffe. Meine Sorgen ­waren aber völlig unbegründet. Lesley und ihr Mann Rudi waren angenehme Gesellschaft. Sie hatten jede Menge Fragen zum Glauben und zur Heilsarmee. Rudi war römisch-katholisch aufgewachsen, sein Vater war als polnischer Einwanderer nach Großbritannien gekommen. Er erzählte mir, was ihn am Katholizismus störte und welche Dinge er daran einfach nicht akzeptieren konnte. Ich wollte nicht übermäßig kritisch einer anderen Glaubensrichtung gegenüber erscheinen, aber als Rudi erzählte, dass die Kirche seiner Meinung nach nicht praktizierte, was sie predigte, gab ich zu bedenken, dass auch meine Glaubensrichtung nicht perfekt sei. Auch dort gebe es Knackpunkte für mich, aber mein Leben sei ganz auf Jesus ausgerichtet. Das schien Rudi nicht abzuschrecken, ganz im Gegenteil.

Als der Nachmittag zu Ende ging, durfte ich ein Gebet für sie und ihre Familie sprechen. Rudi versprach: „Ich bin am Sonntagmorgen da, aber Lesley kann nicht kommen.“

„Warum kann Lesley nicht dabei sein?“, wollte ich wissen.

Sie sahen sich an und antworteten im Chor: „Jack!“ und prusteten los.

Ich verstand den Witz nicht. Da erklärten sie mir, dass sie noch ein drittes, achtzehn Monate altes Kind hatten, das ich noch nicht kennengelernt hatte und das sie auch nie erwähnt hatten. Er war ­hyperaktiv. Ich verstand immer noch nicht.

„Sie wollen Jack nicht im Gottesdienst haben, glauben Sie mir“, ­kicherte Rudi. Lesley lachte und nickte zustimmend: „Auf keinen Fall.“

Sie erklärten mir, dass Jack kaum Schlaf bräuchte, sich nicht lange konzentrieren oder stillsitzen könne und garantiert den Gottesdienst durcheinanderbringen würde. Annie und Tom wa­ren ja kein Problem, aber ... Jack? Den könnten sie auf keinen Fall mit ins Korps nehmen. Daher würden sie abwechselnd kommen während der ­andere zu Hause bei Jack blieb. „Bringen Sie ihn einfach mit. Das ist wirklich kein Problem. Wenn er unruhig oder laut ist, dann müssen wir uns eben dran gewöhnen“, meinte ich. Ich sah die Blicke, die sie sich zuwarfen und spürte, dass sie noch nicht überzeugt waren.

Daher fuhr ich fort: „Ich freue mich schon darauf, wenn unsere ­Kirche eines Tages voll und ganz darauf ausgerichtet ist, Menschen zu Christus zu führen. Selbst, wenn Sie dann mit Ihrem Kind da sind und die anderen Gläubigen nichts mehr vom Gottesdienst haben, sollte die Gemeinde Gott trotzdem dankbar sein, denn schließlich ­haben Sie ja teilgenommen. Solch einer Gemeinde liegen Ihr ­spirituelles Wohl und Ihr ewiges Seelenheil viel mehr am Herzen, als ihre­ ­eigenen nichtigen Bedürfnisse. So einen Zustand haben wir zwar noch nicht ganz erreicht, aber dahin sollte unser Weg führen. Wenn Jack sich also aufspielt und Sie in Verlegenheit bringt und jemand Sie böse anschaut, machen Sie sich nichts draus. Bitte gehen Sie dann nicht einfach. Das Problem liegt bei Ihrem Gegenüber. Vergeben Sie ein­fach diesem Mitmenschen.“

Am Sonntagmorgen waren sie dann tatsächlich da: Rudi und ­Lesley mit Annie, Tom und Jack, der, wie angekündigt, nicht stillsitzen konnte. Die arme Lesley hatte ganz schön mit ihm zu kämp­fen. Jack gefielen unsere Stühle sehr. Sie waren in Reihen angeordnet und alle miteinander verbunden. So konnte man unter den Stuhlbeinen wie durch einen Tunnel die ganze Reihe entlang kriechen. Darauf würde man natürlich nicht kommen, wenn man selbst 1,80 m groß ist und nicht allzu oft auf dem Boden krabbelt.

Aber Jack liebte das. Er kroch durch die ganze Reihe, kam im Mittelgang wieder raus und nahm sich die nächste Reihe vor. Er, nicht ich, zog die volle Aufmerksamkeit auf sich. Nicht etwa die Gemeinde hatte Schwierigkeiten, ihn auf gute, christliche Art zu behandeln, ­sondern ich! Die Predigt hätte ich mir meiner Meinung nach auch gleich sparen können. All die stundenlange Vorbereitung und die Gebete - ganz umsonst?

Doch Gott war hier am Werk. Jeden folgenden Sonntag kamen sie geschlossen als Familie vorbei und ein Elternteil besuchte auch den Abendgottesdienst, die wir Heilsversammlung nennen. An ­einem Sonntagabend ungefähr sechs Wochen, nachdem sie das erste Mal teilgenommen hatten, bat zuerst Rudi und die Woche darauf auch Lesley um Gottes Liebe und Vergebung in Jesus. Heute sind beide Offiziere der Heilsarmee.

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