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Das Gebet einer Mutter


von Redaktion


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Erntedank war das Lieblingsfest meiner Mutter. Sie lud dann gern die ganze Familie ein und stand besonders früh auf, um Kuchen zu backen und das Festessen vorzubereiten.

Im Jahr 1944 war das nicht anders, obwohl sie ihr viertes Kind erwartete: mich.

Gegen Mittag merkte sie, dass die Wehen begannen. Die Geburt verlief normal und schien ohne Komplikationen, bis der Arzt meine Eltern informierte: „Die Füße Ihres Kindes sind stark verformt." Das einzige Gebet meiner Mutter an jenem Erntedankfest lautete: „Bitte, Gott, heile die Füße meines Babys."

Wöchentliches Ritual

Spezialisten entschieden, dass die beste Behandlung für meine Füße wäre, die ganzen Beine einzugipsen, während die Knochen noch weich waren. Als die Gipsverbände Wochen später entfernt wurden, war mein rechter Fuß gerade geworden. Doch der linke war immer noch nach innen gekehrt und dauerhaft verdreht. Meine Eltern mussten sich der Tatsache stellen, dass ich beim Gehen deutlich hinken würde.

Bis zur Einschulung trug ich eine metallene Beinschiene und anschließend Korrekturschuhe. Die Spezialschuhe waren teuer und hielten gewöhnlich nur wenige Wochen, bevor der linke völlig aus der Form war. Trotz finanzieller Probleme schafften es meine Eltern immer irgendwie, das Geld für neue Schuhe aufzubringen.

Kurz vor meinem elften Geburtstag plante die Tochter unseres Nachbarn, Rollschuh laufen zu gehen und bot an, mich mitzunehmen. Meine Mutter zögerte, weil sie daran dachte, wie enttäuscht ich wohl sein würde, wenn ich merkte, dass ich nicht Rollschuh laufen kann. Doch ich bettelte so lange, es versuchen zu dürfen, bis sie schließlich einwilligte.
Die Übungsfläche war von einem Geländer zum nächsten fast acht Meter breit, aber es hätten genauso gut acht Kilometer sein können. Jedes Mal, wenn mein linker Rollschuh Fahrt aufnahm, wandte er sich automatisch nach innen und ich fiel auf die Nase. Es schien unmöglich, meinen verdrehten Fuß gerade zu halten, und es tat auch weh! Doch ich ließ nicht locker. Ich musste es unbedingt schaffen.

Stunden später humpelte ich mit einem Loch in meiner besten Hose, schweißverklebten Haaren und einem schmerzenden linken Knöchel in unser Haus. „Wie war es?", fragte meine Mutter und versuchte zu verbergen, dass sie nichts Gutes ahnte. „Ich kann es, Mama", verkündete ich begeistert. „Ich kann Rollschuh laufen!" Es war ein erhebendes Gefühl!

Damit begann ein wöchentliches Ritual, das ich jahrelang beibehielt. Fast immer, wenn die Rollschuhbahn geöffnet war, war ich dort. Obwohl Rollschuh laufen nicht viel kostete, summierten sich fünf oder sechs Trainingsstunden pro Woche dennoch. Aber meine Mutter beschwerte sich nie.

Unerwartetes Wunder

In der Freude über meine neu entdeckte Leidenschaft merkte ich nicht, dass sich etwas Erstaunliches und wirklich Wunderbares ereignete. Die langen Übungsstunden wirkten als Therapie und halfen mir, meinen linken Fuß gerade zu halten, sowohl auf Rollschuhen als auch ohne! Damals wusste ich es noch nicht, aber es verbesserte sich im Laufe der Jahre immer mehr, bis von meiner Behinderung nur noch ein kaum wahrnehmbares Hinken blieb und ich ein normales Leben führen konnte.

An besonderen Abenden war die Rollschuhbahn für fortgeschrittene Fahrer reserviert. Eines Abends kamen meine Eltern, um mir zuzusehen. Während ich elegant mit meiner Partnerin dahinglitt, schaute ich in die erste Zuschauerreihe und sah meine Mutter. Sie hielt den Kopf stolz erhoben und lächelte. Als ich vorüberfuhr, sah ich, wie sie die Augen schloss, und ich wusste, was sie dachte. Es gab noch einen anderen Grund, warum dieser Abend so besonders für sie war. An ihrem Lieblingsfeiertag dankte meine Mutter Gott, dass er ihr Gebet von jenem Erntedankfest erhört hatte.

John Ray Greif

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Von Maximilian Kalleder |