Das Obdachlosenheim

Kapitel 9 aus „Begegnung mit Jesus“


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Howard Webber: Begegnung mit Jesus

Howard Webber ist hauptamtlicher Geistlicher bei der Heilsarmee (Offizier) aus England. Er beschreibt sich als ein schüchterner Mensch, der nicht gerne redet und schon gar nicht gerne von Jesus. Was aber passiert, wenn er es trotzdem tut und wie Gottes Liebe dadurch Menschen verändert, - das beschreibt er in seinem Buch „Begegnung mit Jesus“.

Mich haben seine Erlebnisse und Begegnungen mit Jesus sehr berührt. Und genau das wünsche ich mir für mich und uns als Heilsarmee auch – dass wir mitten in unserem Alltag, in den täglichen herausfordernden Situationen, Jesus begegnen. Und erleben, was er bewirken kann.

Nach und nach stellen wir Ihnen monatlich jeweils eine der 20 Lebensgeschichten aus dem Buch von Howard Webber vor. Übersetzt von der Heilsarmee in der Schweiz danken wir herzlich für diese Bereicherung.

Viel Gewinn beim Lesen wünsche ich uns,

Anette Janowski
Entwicklung geistlichen Lebens

 

PS: Das vollständige Buch kann unter diesem Link bestellt werden.

Diese Geschichte begann für mich mit einer inneren Seelenschlacht.

Ab und zu brachte ich einige gespendete Kleidungsstücke ins Obdachlosenheim der Stadt. Das Gebäude war heruntergekommen, die Möbel waren von anderen Menschen weggeworfen worden, die Bedürftigen waren nicht besonders gesprächig und es roch ziemlich unangenehm. Ich war schon früher in Obdachlosenheimen der Heilsarmee gewesen, doch dieses hier, das von einer anderen Organisation betrieben wurde, war einfach nur erbärmlich. Mir war der Ort sehr unangenehm. Aber in mir wuchs wie ein Samenkorn die Idee, dass ich dort mit den Männern, die weder Interesse noch Enthusiasmus mir gegenüber zeigten, mehr Zeit verbringen sollte.

Ich hätte gute Gründe gehabt, diesem Gefühl nicht nachzugeben. Außer mir wusste niemand, wie ich mich innerlich fühlte. Wie jeder Korpsoffizier hatte auch ich immer eine vollgepackte Woche. Meine innerliche Auseinandersetzung dauerte Monate. Obwohl ich das Heim weitläufig umfuhr, traf ich in der Stadt manchmal auf einige der 42 Heimbewohner. Ich fühlte mich sehr unwohl dabei. Das Heim ging mir einfach nicht aus dem Kopf.

Aus eigener Erfahrung kannte ich schon den Unterschied zwischen Gottes Führung und meinen eigenen Gedanken. Nach monatelangem innerem Kampf und Hin und Her, gab ich auf. Ich rief an und fragte den Leiter, ob ich regelmäßig auf Besuche vorbeikommen könne. Er wollte wissen, wann ich denn kommen wolle. Das wisse ich auch noch nicht so genau, gab ich ihm zur Antwort.

„Möchten Sie den Männern predigen?“

„Nein“, entgegnete ich. „Wollen Sie Ihnen die Bibel unter die Nase reiben?“ „Nein“, versicherte ich.

„Wollen Sie versuchen, die Männer in Ihre Kirche zu locken?“ Wieder antwortete ich: „Nein.“

„Was wollen Sie dann bei uns?“

„Das hört sich jetzt vielleicht verrückt an, aber seit Monaten habe ich das Gefühl, dass ich regelmäßig zu Besuch ins Heim kommen sollte. Ich habe viel darüber nachgedacht. Schließlich habe ich ja schon genug Arbeit um die Ohren. Aber dieses Gefühl, diese Überzeugung, lässt mich einfach nicht los. Ich denke, dass Gott zu mir spricht. Ich kann mich natürlich auch irren. Sie halten mich jetzt bestimmt für einen Spinner, aber ich glaube, Gott möchte, dass ich ins Heim komme. Er weiß schon warum und wird mir sicher seine Gründe z­eigen. Normalerweise habe ich immer einen Plan und eine Vorstellung davon, was ich als nächstes mache oder sage, aber in diesem Fall hatte ich damit ganz schön zu kämpfen.“

Ich kannte mein Gegenüber nicht und wusste auch nicht, was er wohl von diesem merkwürdigen Gespräch hielt. Vielleicht hielt er mich ja für einen „religiösen Spinner“. Aber er antwortete ganz höflich und meinte, er wolle die Idee dem Bewohnerkomitee vor­stellen, und mich dann zurückrufen. Ich würde mich dann ihrer Entscheidung fügen müssen.

„Hurra“, dachte ich, „die wollen mich da sicher nicht haben!“ (Ist das nicht furchtbar?)

Eine Woche später kam der Anruf. Ein Drittel der Männer wollte mich auf keinen Fall da haben, dem Rest war es schlichtweg egal, oder sie fanden die Idee sogar gut. Keiner im Komitee glaubte, dass meine Besuche ihm persönlich helfen könnten (aber nur zur Erinnerung: Das waren alles Männer!).

Ich fuhr also am folgenden Montagabend hin. Der einstündige Besuch war furchtbar. Ich fühlte mich unwohl. Ich lief vom Billard-Zimmer zum Dart-Zimmer, ins Fernseh-Zimmer und wieder zurück. Wie ein Schiff, das keinen Ankerplatz findet. Niemand ging auf meine halb­herzigen Versuche ein, ein Gespräch zu beginnen.

Im Billardzimmer machte ich die eine oder andere nette, aufmun­ternde Bemerkung, wenn einer der beiden Spieler eine Kugel versenkte. Ich erntete jedoch nur missbilligende Blicke. Um das Dart-Board hatten sich gerade ein halbes Dutzend Männer zu einem Wettkampf versammelt, als ich hereinkam.

Ich war kaum durch die Tür, da rief jemand: „Achtung, jetzt wird nicht mehr geflucht, der Vikar ist da!“ Ich finde diese Flucherei zwar beleidigend, aber ich will auch nicht, dass sich jemand in meiner Gegenwart verstellt, statt er selber zu sein. Mir ist es lieber, wenn jemand aus eigenem Antrieb das Fluchen bleiben lässt, als wenn er das nur meinetwegen tut. Schließlich waren die Männer hier zu Hause und ich war nur zu Besuch.

Im Fernsehzimmer war es dunkel und die Männer hingen still und wie gebannt am hellen, farbigen Schirm. Die Stunde zog sich hin. Ich konnte es kaum erwarten, wieder nach draußen zu kommen. Ich sehnte förmlich das Ende herbei. Als alles vorbei war, verspürte ich nur Erleichterung. Und ich war mir sicher, dass ich nicht wiederkommen würde. Das Ganze war wohl einfach nur eine dumme Idee von mir gewesen. Und doch: Als ich in die kühle Abend­luft hinaus­trat, da wusste ich, dass dies der richtige Ort für mich war und dass ich am kommenden Montag wiederkommen sollte.

Also ging ich die Woche darauf wieder hin. Wie beim letzten Mal lief ich ziellos zwischen den Räumen umher und kam mit niemandem ins Gespräch. Etwas entmutigt ließ ich mich in einen leeren Sessel im Fernsehzimmer fallen, wo ein halbes Dutzend Männer im Dunkeln sass. Sie schauten James Bond, Octopussy. Alles war still.

„Was für eine Zeitverschwendung“, dachte ich. „Fernsehen hätte ich auch zu Hause zusammen mit der Familie können.“ Nach einer ganz besonders absurden Szene machte ich laut eine Bemerkung und der ganze Raum brach in Gelächter aus. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich da gerade wohl etwas Lustiges gesagt hatte, aber die Männer fanden es komisch. Der Rest des Films wurde vom Publikum lebhaft und humorvoll Szene für Szene kommentiert.

Am Ende schaltete jemand den Fernseher aus, ein anderer machte das Licht an und alle Augen schienen auf mich gerichtet. „Ihr seid ja alle viel jünger als ich“, witzelte ich (sie waren tatsächlich nur etwas jünger). „Als ich klein war, hatten wir einen Riesenfernseher mit einem winzigen Bildschirm und abends kamen immer Western in Schwarzweiß - keine Farbfilme damals - Frisco Express, Tausend Meilen Staub ...“

Die meisten Männer hier waren um die vierzig und nicht so viel jünger als ich, aber anscheinend hatte ich unbewusst irgendeinen Nerv getroffen und sie riefen weitere Titel, Wagon Train! Der Mann aus Laramie! Maverick! Bonanza! (An alle jüngeren Leser: Das sind alles Western aus den Sechzigern.) Die Liste hörte gar nicht mehr auf. Das Eis war gebrochen, aber die Stunde war schon vorbei. Wie Aschenputtel auf dem Ball fiel mir auf einmal wieder ein, dass ich eigentlich ganz woanders sein sollte. Ich war schon zu spät zu einem anderen Treffen und ich verabschiedete mich hastig und ging. Als ich den Flur entlang zum Ausgang eilte, riefen mir einige hinterher: „Bis nächste Woche dann!“

In der dritten Woche bat mich einer der Männer um ein persönliches Gespräch. Wir gingen in den Garten und setzten uns auf einige kaputte Möbel, die jemand dort liegengelassen hatte. Er erzählte mir seine Lebensgeschichte und vertraute mir persönliche Dinge an, über die er noch nie mit jemandem geredet hatte. Nach einer Weile wurden auch die anderen Bewohner neugierig und wollten wissen, worüber wir sprachen. Einer nach dem anderen kamen sie zu uns herüber.

Die Unterhaltung wurde weniger persönlich und allgemeiner. Schließlich hatten sich um die zehn Männer zu uns gesellt, standen daneben oder saßen, wie wir, auf den kaputten Möbeln. Sie beteiligten sich an der Unterhaltung. Die Stimmung war locker und es wurde viel gelacht. Einer der Männer mit schneeweißem Haar und Schnurrbart - Mo war sein Name, wie ich später erfuhr - sprach auf einmal abfällig über Leute wie mich, die sich Christen nennen, in Wirklichkeit aber alle nur Heuchler seien. Mir war klar, dass er mich nicht kannte und ich fragte ihn, woher er das wisse. Statt einer Antwort auf meine Frage meinte er nur, er selber sei ein viel besserer Mensch als „die ganzen sogenannten Christen, die zur Kirche gehen.“

„Das will ich doch hoffen“, gab ich zurück.

„Was soll das heißen?“, fragte er verwirrt.

„Auch die schlechtesten Menschen gehen zur Kirche. Sie gehen hin, weil sie wissen, wie schlecht sie sind und weil sie Vergebung brauchen. Gute Menschen wie du brauchen offensichtlich keine Vergebung. Gesunde Menschen brauchen keinen Arzt. Ärzte sind für die Kranken da. Die Kirche ist für die schlechten Menschen da.“ Ironisch fügte ich hinzu: „Und die Allerschlimmsten gehen zur Heilsarmee, aber sagt es ja nicht weiter. Ich muss es wissen, ich bin schließlich einer von denen!“ Es folgte lautes Gelächter, aber ich spürte, dass einige der Männer auch nachdenklich wurden.

„Warum sollte jemand einer Kirche angehören wollen, die so fehler­haft ist?“, wollte jemand wissen. Ich stimmte ihm zu, dass die Kirche versagt hatte. Und dass auch meine kirchliche Strömung nicht perfekt sei und Gottes Wünschen entspräche. Doch mir wür­de auch keine einzige Kirche einfallen, die ohne Fehler sei. Als ich Christ geworden war, so erklärte ich ihm, hatte ich bewusst Gott zum Herrscher über mein Leben gemacht und beschlossen, lieber ihm als meinen eigenen Wünschen zu folgen. Das hatte mich zum glücklichsten Mann auf der Welt gemacht. Ich war in der Heilsarmee, weil ich einfach überzeugt war, dass Gott mich dort haben wollte und nicht, weil ich von der Organisation besonders angetan war. Ganz abgesehen von der Kirche war auch ich, selbst nach all den Jahren mit Jesus, noch nicht der Mensch, der ich für ihn sein sollte. Ich hoffe zwar, dass ich mich verändert habe, und ich denke, ich bin heute ein besserer Mensch als früher, aber ich bin noch lange nicht angekommen.

„Ach, so Leute wie uns wollt ihr doch sicher nicht in eurer Kirche haben“, meinte einer der Männer.

„Doch, natürlich“, antwortete ich, „ihr könnt alle gerne vorbeikommen. Die Kirche muss sich ändern. Wenn ich könnte, würde ich alle 42 von euch bezahlen, damit ihr euch jede Woche zum Gottesdienst im Saal zu uns gesellt. Es würde uns allen sehr gut tun, euch dabei zu haben. Wir müssten uns eben ändern, uns anpassen. Tatsächlich brauchen wir euch viel mehr, als ihr uns braucht!“

Dann wollten sie wissen, wie ich bei all dem Leid unschuldiger Menschen denn noch an Gott glauben könne. Ich erzählte ihnen von einigen persönlichen Tragödien in meiner Familie, die mich aus der Bahn geworfen hatten. Doch ich wusste aus eigener Erfahrung, dass Gott gütig ist. Ein Mensch, der Gott gut genug kennt, kann ihm auch dann noch vertrauen, wenn er Gottes Wille und Wege nicht begreift. Wenn ich einmal zu Gott heimginge, würde er mir sicher alles erklären. Mo fragte mich, wie ich denn an ein un­sichtbares Wesen glauben könne. Als ich gerade zu meiner Erklärung ansetzte, mischte sich ein großer, kräftiger Mann mit Ohrringen und Kurzhaarschnitt ein. So ein richtig harter Kerl. Seine Ausdrucks­weise ließ sehr zu wünschen übrig. Jedes zweite Wort war ein Schimpfwort. Doch hinter dieser ungehobelten Art verbarg sich etwas Tieferes.

„Was hast du in der Navy gemacht Mo?“, fragte er. „Das weißt du ganz genau“, antwortete Mo.

„Ich schon, aber er hier nicht“, sagte er, auf mich deutend. „Wir auch nicht“, meinten einige andere.

„Ich war Maschinist auf dem Flugzeugträger Ark Royal“, erzählte Mo.

„Hattest du keine Angst, dass was passiert? Dass das Schiff auf Felsen aufläuft oder in ein anderes Schiff oder in die Hafenmauer kracht?“, fragte der Kerl.

„Natürlich nicht“, antwortete Mo.

„Ach, und warum nicht?“, wollte der Große wissen.

Mo antwortete: „Na, weil der Kapitän auf der Brücke alles unter Kontrolle hatte!“ „Woher willst du denn das wissen? Du konntest die Brücke doch gar nicht sehen.“

Ich war ganz gebannt von dem, was sich da gerade abspielte und meine Augen wanderten von einem zum anderen, wie beim Tennis­spiel in Wimbledon.

„Die Brücke war ja nie unbemannt“, antwortete Mo. „Ja, aber woher weißt du das?“

„Das war Vorschrift. Es musste immer jemand im Ausguck sein“, erklärte Mo.

„Das mag ja Vorschrift gewesen sein, aber wie konntest du dir da so sicher sein? Woher wusstest du, dass sich alle an die Regeln halten?“

„Sie würden nie die Regeln brechen. Sie würden nie die Brücke unbemannt lassen.“ Langsam wurde Mo wütend.

Der große Kerl bohrte immer weiter, Schimpfwörter inklusive: „Aber woher wusstest du das?“

Schließlich war es Mo leid und er meinte resigniert: „Ich wusste halt, dass jemand ein Auge auf alles hat!“

„Du hast den Glauben an etwas gehabt, was du nicht sehen konntest, Mo!“, rief der Kerl mit seinem ausgeprägten Südlon­doner Akzent.

Ich war perplex. Auf diese Worte hin fragte mich Mo noch etwas. Doch ich wollte zuerst den Namen des großen Kerls wissen.

„Geoff!“, antwortete er und wirkte dabei irgendwie bedrohlich. „Was geht dich das an?“

„Mo hat eine Frage zu deinen Worten, warum beantwortest du sie nicht einfach, Geoff?“ Das tat Geoff.

Auf Geoffs zweite Antwort hin hatte Mo noch eine dritte Frage an mich. Geoff hätte es sicherlich abgestritten. Seine Sprache und Haltung ließen nichts erahnen. Doch ich dachte: Gott hat zu dir ge­sprochen und du hast ihn gehört. Ich wandte mich also wieder an Geoff: „Ich bete jeden Tag, lese täglich in der Bibel, predige jede Woche und trotzdem bist du darin viel besser als ich, Geoff. Wir sollten die Plätze tauschen. Was antwortest du Mo?“

Die Männer lachten und johlten. Ich war irritiert. Ich kannte Geoff nicht und wusste auch nicht, was daran so witzig sein sollte, mit ihm die Plätze zu tauschen. Im Gegensatz zu allen anderen, wusste ich nicht, dass Geoff Alkoholiker war. Die Vorstellung, wie er sternhagelvoll von der Kanzel bei der Heilsarmee predigt, war urkomisch. Als Geoff antwortete, hörte ich trotz all der Flüche wieder das Echo von Gottes Wort und Weisheit. Die Stunde war schon lange um und ich musste los.

Am nächsten Sonntagabend stieg ich aufs Podium und ließ den Blick über die Gemeinde schweifen. Da sah ich mitten im Saal Geoff und einen anderen Heimbewohner, Alan. Ich fragte mich, was sie wohl zu diesem Abendgottesdienst geführt hatte. Dabei hatte ich die Männer ganz ausdrücklich nicht zu unseren Gottesdiensten eingeladen. Nicht, weil ich sie nicht dabeihaben wollte, ganz im Gegenteil. Sondern weil ich ihnen nicht den Eindruck vermitteln wollte, dass ich sie nur besuchte, um sie in meine Kirche zu locken. Sie sollten wissen, dass ich sie lediglich aus Sorge um ihr Wohl besuchte.

Nach dem Gottesdienst gaben wir uns am Ausgang die Hand und sie verschwanden. Am Sonntag darauf waren sie wieder da. Montag­abends beim Besuch im Obdachlosenheim erwähnte keiner von uns auch mit nur einem Wort ihre Besuche im Korps.

Ich freute mich mittlerweile auf die wöchentlichen Besuche bei meinen neuen Freunden. Hinter dem Wohnheim gab es einige eigenständige Wohneinheiten. Als ich eines Freitags mit einer Tasche voll Altkleiderspenden am Empfang stand, erblickte mich Geoff. Er lud mich in sein neues Zuhause ein. Ich hatte Hunger. Zu Hause stand schon das Abendbrot bereit, und meine Frau wartete auf mich. Aber ich nahm die Einladung an, weil ich wusste, dass sie es schon ver­stehen würde.

Stolz präsentierte mir Geoff seine neue Wohnung. Er war ausgewählt worden, die Gemeinschaftseinrichtung zu verlassen und selbständig als richtiger Mieter eine der Wohnungen zu beziehen. Dadurch sollte er lernen, Verantwortung für sich zu übernehmen. Ein Mitarbeiter des Heims unterstützte ihn dabei und überwachte seine Fortschritte. Diese Wohnungen symbolisierten einen ersten Schritt auf dem Weg zurück in die Gesellschaft.

Es gab einen offenen Küchen- und Wohnbereich. In der Küche gab es einen Herd, einen Kühlschrank, eine Spüle sowie moderne Eichenfurnierschränke. Im Wohnbereich befanden sich ein Sofa, ein Sessel, ein Esstisch mit zwei Stühlen und einige Wandregale. Außerdem gab es ein separates Schlafzimmer und ein Bad WC und Dusche. Die Ausstattung war brandneu und die Wohnung war hell und gemütlich.

Wir saßen zusammen am Tisch und redeten. Geoff kam auf die Unterhaltung mit den Männern vor ein paar Wochen zu sprechen. Die Erinnerung an jenen Abend und an Geoffs Worte hatte sich mir ins Gedächtnis gebrannt.

Er erzählte mir, dass er am Morgen darauf verschlafen hätte und dass die folgenden Ereignisse wohl nicht passiert wären, hätte er nicht zu lange im Bett gelegen. Ich war gespannt, was er wohl zu erzählen hatte. Als er aufwachte, so fuhr er weiter, ging ihm der Vor­abend immer wieder durch den Kopf. Er ging nach unten ins Dartzimmer, wo er eine Bibel - oder besser gesagt, eine halbe Bibel - fand. Wie viele andere zerfledderten Bücher im Regal, war auch diese Bibel schon öfter als Wurfgeschoss missbraucht worden, wenn es wieder mal Streit gab.

Er nahm sie mit ins Bett und als er sich setzte, öffnete sich das Buch im Matthäusevangelium. Er begann an der Stelle zu lesen: Kapitel 5, die Bergpredigt. Bei Kapitel 7, Vers 7 hielt er bei den folgenden Worten inne: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan!“

„Da habe ich mich gefragt“, fuhr Geoff weiter: „Glaube ich das?“ Ich dachte mir: ‚Ja, das tue ich‘. Dann tauchte in meinem Kopf die Frage auf: ‚Und was machst du jetzt daraus‘? Da habe ich mich vors Bett gekniet und Gott um Vergebung gebeten. Für das Chaos, das ich aus meinem Leben gemacht hatte. Für alle meine Fehler. Ich habe ihn gebeten, in mein Leben zu treten und mich zu verändern. Ziemlich lange bin ich dort gekniet. Als ich schliesslich auf­stand, fühlte ich mich nicht gross anders als vorher, obwohl ich dies erwartet hatte. Doch ich wusste, dass ich mich irgendwie verändert hatte.“

Ich war baff. Erfreut, aber völlig baff. Eigentlich hätte ich es erraten können. Doch selbst, als ich Geoffs Veränderung erlebte, wäre mir nie in den Sinn gekommen, was da passiert sein könnte. Nicht nur war er unaufgefordert zum Gottesdienst erschienen, auch seine Ausdrucks­weise hatte sich deutlich gebessert. Früher war jedes zweite Wort ein Schimpfwort gewesen. Jetzt kamen ihm solche Ausdrücke kaum noch über die Lippen. Aus irgendwelchen Gründen war mir das kaum aufgefallen. Bis er mir seine Geschichte erzählte. Dann berichtete er mir von allen Segnungen, scheinbaren Zufällen und unfassbaren Dingen, die ihm in den folgenden zwei Wochen widerfahren waren.

„Ich fühle mich richtig euphorisch, und es kostet mich keinen Cent. Ich hatte auch keinen Kater am nächsten Morgen wie beim Alkohol und bei den Drogen“, erzählte er. Dann wurde er sehr emotional und erzählte mir, dass er sich verpflichtet fühlte, Gott eine Gegenleistung für all die wundervollen Dinge zu geben. Ich dachte kurz nach.

„Ich habe da eine Idee“, meinte ich, „aber denk‘ gut drüber nach und bete, Geoff. Manchmal haben „Pfarrer“ wie ich jede Menge Ideen, was ihre Mitmenschen angeht, aber das sind nicht immer unbedingt Gottes Ideen.“

„Was meinst du damit?“, fragte er.

„Ich möchte dich bitten, deine Geschichte vor der Gemeinde zu erzählen. Christen glauben oft nur ganz theoretisch an Gottes Macht. Sie glauben zwar an seine Taten in der Bibel, aber sie glauben nicht, dass er so etwas auch heutzutage noch vollbringen kann. Den Gott der Bibel und den Gott von heute können sie nicht in Einklang bringen. Ihnen ist nicht klar, dass er immer noch derselbe Gott ist.“

„Das mache ich“, sagte er prompt.

Er lachte: „Nein, nein. Ich bin mir sicher, dass es das Richtige ist. Wann soll ich das machen?“

„Diesen Sonntag, also übermorgen“, antwortete ich.

„Was?“

„Ich hab‘ dich ja gewarnt!“

Geoff lachte wieder laut. „Das geht schon okay.“

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