Ein verlorener Sohn kehrt zurück

Kapitel 6 aus „Begegnung mit Jesus“


von Howard Webber


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Howard Webber: Begegnung mit Jesus

Howard Webber ist hauptamtlicher Geistlicher bei der Heilsarmee (Offizier) aus England. Er beschreibt sich als ein schüchterner Mensch, der nicht gerne redet und schon gar nicht gerne von Jesus. Was aber passiert, wenn er es trotzdem tut und wie Gottes Liebe dadurch Menschen verändert, - das beschreibt er in seinem Buch „Begegnung mit Jesus“.

Mich haben seine Erlebnisse und Begegnungen mit Jesus sehr berührt. Und genau das wünsche ich mir für mich und uns als Heilsarmee auch – dass wir mitten in unserem Alltag, in den täglichen herausfordernden Situationen, Jesus begegnen. Und erleben, was er bewirken kann.

Nach und nach stellen wir Ihnen monatlich jeweils eine der 20 Lebensgeschichten aus dem Buch von Howard Webber vor. Übersetzt von der Heilsarmee in der Schweiz danken wir herzlich für diese Bereicherung.

Viel Gewinn beim Lesen wünsche ich uns,

Anette Janowski
Entwicklung geistlichen Lebens

 

PS: Das vollständige Buch kann unter diesem Link bestellt werden.

Bei uns gab es dienstags immer den Über-60-Club. Es wurde viel gelacht, wir luden Gastredner ein, organisierten Busausflüge und Reisen, es gab aber auch Zeiten der inneren Einkehr, Lieder und ­Gebete. Es war dementsprechend immer viel los und ständig kamen neue Mitglieder hinzu. Da wir keine andere Leitung hatten, über­nahm ich diese Funktion für einige Jahre.

Einer der Neuzugänge war die 79-jährige Grace Sykes. Sie und ihr Mann, so erfuhr ich, lebten ungefähr drei Kilometer entfernt und ­fuhren jeden Dienstagnachmittag mit dem Bus in die Stadt. Er setzte seine Frau am Eingang ab und spazierte dann anderthalb Stunden durch die Stadt, bevor sie gemeinsam den Bus zurück nah­men. ­Einmal fragte ich sie, warum er denn nicht mitmachen wolle und dass es ihm vielleicht gefallen würde. Aber sie meinte nur, das wäre nichts für ihn. An einem Dienstag einige Zeit später bemerkte ich, dass Grace weinte. Ich setzte mich nach dem Treffen zu ihr. Sie erzählte mir, dass ihr Mann Alf mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus gebracht worden war und dass sie große Angst gehabt hatte, ihn zu verlieren. Es ging ihm zwar schon wieder besser, aber sie machte sich immer noch Sorgen.

Ich fragte sie, ob er sich vielleicht über einen Besuch freuen würde, da ich später in der Woche sowieso im Krankenhaus vorbeischauen würde.

„Ich glaube nicht, nein“, gab sie zurück. Das wunderte mich und ich wollte wissen, warum. Schließlich hatte ich noch nie mit ihm ­ge­sprochen und er kannte mich doch kaum.

Grace antwortete: „Das ist eine lange Geschichte. Und Sie sind doch immer so beschäftigt.“

„So beschäftigt bin ich nun auch wieder nicht und wenn Sie mir Ihre Geschichte erzählen wollen, habe ich ein offenes Ohr für Sie.“

Sie begann wieder zu weinen. „Vor vielen Jahren gingen Alf und ich zu der großen Kirche in der West Street. Wir sind beide christlich erzogen worden und haben uns als junge Leute in der Kirche kennengelernt. Dort haben wir auch geheiratet. All unsere Freunde gingen dort zur Kirche und wir waren sehr glücklich. Wir engagierten uns beide in der Gemeinde. Alf war Kirchenältester und leitete die Jugendgruppe für die Jungs. Außerdem haben wir beide in der Sonntagsschule ­unterrichtet. Irgendwann machte einer der Kirchenältesten einmal eine abfällige Bemerkung Alf gegenüber. Er beschuldigte ihn einer Sache, die er gar nicht getan hatte. Da wurden seine Ehrlichkeit und Integrität in Frage gestellt. Alf war entsetzt. Das hat ihn kaputtgemacht. Er verließ die Kirche und wurde sehr verbittert, wenn es um Kirche oder Religion ging. Seitdem hat er dafür keine Zeit mehr übrig, auch wenn er noch an Gott glaubt, regelmäßig betet und die Bibel liest.“

„Und wann ist das alles passiert?“, fragte ich.

„Oh, das ist sicher schon vierzig Jahre her, oder mehr“, war ihre Antwort. „Seitdem hat er keinen Fuß mehr in eine Kirche gesetzt und sogar in seinem Testament festgelegt, dass sein Leichnam beim Trauergottesdienst nicht in die Kirche gebracht werden soll.“ Wir schwiegen beide. Sie war solch eine liebenswerte Frau, zierlich und zerbrechlich. Zum Laufen brauchte sie einen Stock, sie war nicht so gut zu Fuß. Ich betrachtete die Falten in ihrem Gesicht - einige davon waren sicher das Ergebnis jahrelanger Trauer - und als ich in ihre ­Augen sah, taten sie und ihr Mann mir aus tiefstem Herzen leid, auch, wenn ich ihn gar nicht kannte. „Ich würde ihn trotzdem gerne ­besuchen, wenn ich darf.“

„Dann ärgern Sie sich bitte nicht, wenn er wütend und unhöflich reagiert. Das dürfen Sie nicht persönlich nehmen. Es liegt nicht an ­Ihnen. Er ist eigentlich ein sehr netter, liebevoller Mann. Und erwähnen Sie, wenn es geht, nicht die Kirche oder Religion.“ Ich sprach ein Gebet mit Grace, bevor einer der anderen Teilnehmer, der auf sie gewartet hatte, sie mit nach Hause nahm.

Als ich das nächste Mal ins Krankenhaus ging, hob ich mir den ­Besuch bei Alf bis ganz zum Schluss auf. Ich konnte mich nur schwer auf die anderen Besuche konzentrieren, weil ich mich ständig fragte, wie Alf auf mich reagieren würde. Worüber würden wir wohl reden?

Auf der Station angekommen führte man mich in das Seitenzimmer, wo Alf lag. Wir gaben uns die Hand, ich stellte mich vor, fragte, wie es ihm ginge und wie es um seinen Gesundheitszustand bestellt sei. Dann sprachen wir über seine Familie und seinen frü­heren Beruf, wobei ich tunlichst alle Themen vermied, die mit Gott, Jesus, der Kirche oder Religion zu tun hatten. Er fragte mich auch nach ­meiner Familie, meinem Leben und meiner Vergangenheit. Ich wählte meine Worte mit Bedacht und widerstand dem natürlichen Drang, ihm von meinem Weg zu Jesus zu erzählen. Er war sehr freundlich und liebenswürdig und wir lachten zusammen. Es ging eine echte menschliche Wärme von ihm aus. Auch seine Augen faszinierten mich. Sie waren hellblau, wie bemaltes Glas, und sie schimmerten. Als er mich so ansah, schienen sie ganz leicht zu pulsieren. Nach einer halben Stunde sagte ich ihm, wie sehr ich das Treffen genossen hatte, er dankte mir und ich ging.

Am nächsten Dienstag sah Grace schon viel besser aus und bat mich um ein Gespräch.

„Hallo Grace, Sie sehen ja so viel besser aus. Wie geht es Alf?“

„Viel besser. Er wurde in eine Rehaklinik der Eisenbahngesellschaft verlegt - da hat er früher gearbeitet. Als ich ihn nach Ihrem Besuch wiedersah, wirkte er so glücklich. Er hat sich so über Ihren Besuch gefreut.“

„Gott sei Dank“, sagte ich lächelnd.

„Nur eine Sache hat ihn enttäuscht“, fügte sie hinzu. „Und das wäre?“, wollte ich wissen.

„Während des Gesprächs fühlte er so eine Sehnsucht in sich aufsteigen, den starken Wunsch, dass Sie mit ihm beten würden, und als Sie das nicht taten, war er etwas enttäuscht.“

Mein Entsetzen muss offensichtlich gewesen sein. Normalerweise biete ich bei meinen Besuchen immer ein Gebet an, selbst bei Fremden oder Nichtgläubigen. In diesem speziellen Fall hatte ich das aus naheliegenden Gründen natürlich nicht getan.

„Das ist schon in Ordnung, Kapitän. Ich habe ihm erklärt, dass Sie von der ganzen Geschichte wissen, und das hat er auch ver­standen. Er hatte den Eindruck, dass Sie sich wirklich Sorgen um ihn machen und das hat ihn sehr bewegt. Er hat sogar eine Träne vergossen, als er mit mir redete.“

Alf verbrachte einige Zeit in der Rehaklinik, irgendwo in Devon, wenn ich mich recht erinnere. Ab und zu besuchte ich Grace, denn die mehr als 300 Kilometer zu ihrem Mann konnte sie nicht mehr reisen. Schließlich kam er einige Monate später nach Hause und sie nahmen dienstags wieder den Bus in die Stadt. Diesmal allerdings wollte Alf mit zum Treffen gehen. Das tat er dann auch. Er und Grace kamen Arm in Arm durch die Tür und er wurde von allen Seiten herzlich empfangen. Jeder freute sich, dass es ihm wieder besser ging. So kam es, dass er nun regelmäßig teilnahm. Die Wochen verstrichen und eines Sonntagmittags beim Essen teilte er Grace mit: „Heute Abend nehmen wir den Bus zur Kirche!“

„Welche Kirche?“, fragte sie.

„Die von der Heilsarmee“, gab er zurück.

Von da an nahmen sie regelmäßig an den Sonntagabendgottesdiensten teil. Eines Sonntags nach der Predigt rief ich wie gewohnt dazu auf, dass diejenigen, die Jesus als ihren Erlöser annehmen, ihm nachfolgen möchten, dies doch als öffentliches Bekenntnis tun sollen, indem sie nach vorne kämen. Da stand das alte Ehepaar auf, nahm sich bei den Händen und ging langsam, auf ihre Gehstöcke gestützt, nach vorn, damit sie das Gebet empfangen konnten.

Später wurden sie offizielle Mitglieder der Heilsarmee und wollten auch die Uniform tragen und so ihren Glauben bekennen. Ich erinnere mich noch gut an Alfs Bekenntnis vor der Gemeinde am ­Ostersonntag, nachdem er und seine Frau ihr Leben Jesus anvertraut hatten. Er erzählte, wie ihn jemand aus seiner Kirche vierzig Jahre zuvor zutiefst verletzt hatte, und dass er sich törichterweise von Jesus abgewandt hatte.

„Wenn ich doch nur meinen Blick auf das Kreuz gerichtet und gesehen hätte, wie Jesus für mich gelitten hat, wie er ganz ohne Rach­sucht die falschen Anschuldigungen und die Ungerechtigkeit auf sich genommen und mich nie aufgegeben hat ... Aber ich habe ihn im Stich gelassen, mich abgewandt, weil ich den Schmerz, die falschen Anschuldigungen und die Ungerechtigkeit nicht ertragen konnte. All die Jahre habe ich weiterhin gebetet, die Bibel gelesen und Gutes getan und dachte, ich könnte auch ein guter Christ sein, ohne dass ich zur Kirche gehe. Tatsächlich dachte ich sogar, ich wäre etwas Besseres als die ganzen Kirchgänger. Was habe ich mich geirrt. Mein Herz war nicht rein. Ich war verbittert und wütend und habe meine Feinde nicht geliebt - ich war nicht im Reinen mit Gott. Trotz allem hat Gott mich nicht aufgegeben und ich freue mich, ihm heute diese Versprechen zu geben. Ich habe mehr als vierzig Jahre meines Lebens verschwendet. Die Tage, die mir noch bleiben, möchte ich Gott schenken.“

Obwohl Alf und Grace Sykes schon alt und gebrechlich waren, ­leisteten sie doch einen erheblicheren Beitrag für das Korps, als sie­ ­jemals selbst erahnten. Ihre Gesichter und ihre Worte strahlten Wärme und Zuversicht aus und erfassten jeden, der sich mit ihnen umgab. Man fühlte sich gleich besser, wenn man Zeit mit ihnen verbracht hatte - und seien es auch nur ein paar Minuten.

Ein Jahr später bekamen wir Besuch von einigen Kadetten (Prediger in Ausbildung) aus London, die eine missionarische Osterkampagne führten. Am Karfreitag stellten wir in der Mitte des Saales ein Kreuz auf, versammelten uns ringsum und gedachten der Ereignisse am allerersten Karfreitag. Nach einigen Liedern über den Opfertod Jesu folgte ein Moment der inneren Einkehr. Jeder konnte seine ­Gedanken mitteilen, ein Lied singen oder eine Kassette abspielen im Zusammenhang mit der Kreuzigung. Alf stand langsam auf und sprach direkt zu den jungen Kadetten: „Ich kann den Ostersonntag gar nicht erwarten. An diesem Tag ist der Herr von den Toten auferstanden und hat uns Hoffnung geschenkt. Außerdem ist das mein Jahrestag, als ich zum Heilssoldaten Jesu Christi wurde. Das war das beste Jahr meines Lebens. Ich habe im vergangenen Jahr mehr über die Bibel gelernt als in all den Jahren, in denen ich zur Kirche gegangen bin. Gott hat mir seine Güte gezeigt. Ihr lieben, jungen Leute, ich bin jetzt über achtzig. Ich weiß nicht, wieviel Zeit Gott mir noch schenkt, aber ich will euch eins sagen: Ihr werdet manchmal im Stich gelassen werden, ihr werdet Enttäuschungen erleben. Menschen, die es eigentlich besser wissen sollten, werden euch wehtun - behaltet aber immer das Kreuz im Blick. Gebt nicht auf. Wendet euch nicht ab, so wie ich damals. Richtet euren Blick fest auf Jesus. Nichts ist vergleichbar mit einem Leben für Jesus.“ Er nahm wieder Platz. Alle Blicke waren auf Alf gerichtet. Seine glasklaren, blauen Augen schienen noch mehr als sonst zu leuchten.

Am Ostersonntag, morgens um acht, klingelte das Telefon.

Die Tochter von Alf und Grace rief aus dem Krankenhaus an. „Mein Vater hatte heute Morgen einen Herzinfarkt. Meine Mutter wollte gerne, dass Sie Bescheid wissen“, sagte sie. Als ich der Gemeinde zu Beginn des Gottesdienstes davon erzählte, breitete sich ein entsetztes Murmeln aus, und auch die Kadetten wirkten geschockt. Ich besuchte Alf später am selben Tag. Es ging ihm gut. Im Laufe der folgenden Tage verbesserte sich sein Zustand Stück für Stück. Eine Woche ­später saß er aufrecht im Bett, die Brille auf der Nase, und er las in der Bibel.

„Wie geht es Ihnen, Alf?“

„Viel besser, viel besser. Ich habe mir vorgenommen, das Neue Testament noch einmal zu lesen. Mit den Evangelien und der ­Apostelgeschichte bin ich schon fertig und ich bin gerade mitten im Paulusbrief an die Römer. Wirklich großartig.“

Wir redeten eine Weile. Ich erzählte ihm, was er am Ostersonntag verpasst hatte, wie geschockt die Kadetten und die Gemeinde gewesen war und wie sehr uns seine Worte am Karfreitag alle berührt hatten. Dann sprach er darüber, was er noch vorhatte, sobald es ihm besser ginge, „so Gott will“, fügte er hinzu. Bevor ich ging, betete ich für ihn. Diese gemeinsame Zeit war so kostbar. Ich ahnte ja nicht, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich ihn sah. In der Nacht darauf erlitt Alf einen weiteren, viel schlimmeren Herzinfarkt und der Herr nahm ihn zu sich. Ich verlor einen lieben Freund. Wer kann schon ermessen, wie groß der Einfluss eines Menschen ist, der sich ganz Gott gewidmet hat, wenn auch nur für kurze Zeit? Oft denken wir, dass für das Königreich des Herrn nur das zählt, was und wie viel wir tun. Dabei kommt es vor allem darauf an, wer wir sind, denn das hat auf unsere Mitmenschen den größten Einfluss.

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