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Epilog - Es ist noch nicht vorbei

Kapitel 21 aus „Begegnung mit Jesus“

Howard Webber: Begegnung mit Jesus

Howard Webber ist hauptamtlicher Geistlicher bei der Heilsarmee (Offizier) aus England. Er beschreibt sich als ein schüchterner Mensch, der nicht gerne redet und schon gar nicht gerne von Jesus. Was aber passiert, wenn er es trotzdem tut und wie Gottes Liebe dadurch Menschen verändert, - das beschreibt er in seinem Buch „Begegnung mit Jesus“.

Mich haben seine Erlebnisse und Begegnungen mit Jesus sehr berührt. Und genau das wünsche ich mir für mich und uns als Heilsarmee auch – dass wir mitten in unserem Alltag, in den täglichen herausfordernden Situationen, Jesus begegnen. Und erleben, was er bewirken kann.

Nach und nach stellen wir Ihnen monatlich jeweils eine der 20 Lebensgeschichten aus dem Buch von Howard Webber vor. Übersetzt von der Heilsarmee in der Schweiz danken wir herzlich für diese Bereicherung.

Viel Gewinn beim Lesen wünsche ich uns,

Anette Janowski
Entwicklung geistlichen Lebens

 

PS: Das vollständige Buch kann unter diesem Link bestellt werden.

Während der Arbeit an Kapitel 14, „Freiheit auf Zeit“, überkam mich das innere Bedürfnis, mit Wayne Hardy, dem Protagonisten der Geschichte, den ich aus dem Gefängnis kannte und der Christus „kennengelernt“ hatte, Kontakt aufzunehmen. Ich wusste nicht, wie ich das anstellen sollte. Er kam zwar aus Nottingham, doch er war 14 Jahre zuvor entlassen worden, und seitdem hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Er könnte überall sein - wenn er denn überhaupt noch lebte. Also gab ich seinen Namen in eine Suchmaschine im Internet ein. Mir wurden zwei Treffer angezeigt.

Einer davon war eine Seite für klassische Bodybuilder. Ich schaute mir die Seite an und fand tatsächlich ein Bild von ihm, eingeölt und mit seinem typischen, breiten Grinsen. Die Foto war von 1988, ein paar Jahre, bevor ich ihn kennengelernt hatte. Ich fand auf der Seite auch eine E-Mail-Adresse und fragte nach, ob die Betreiber etwas über Waynes Verbleib wüssten. Ich erhielt eine schnelle, höfliche Antwort, man hätte keinen Kontakt mehr zu ihm und eine Liste weiterer Bodybuilderseiten, die mir vielleicht weiterhelfen würden. Doch die schaute ich mir nicht an, denn ich wusste ja nicht, ob er nach so vielen Jahren immer noch im Bodybuilding aktiv war.

Mein zweiter Suchtreffer war eine gewisse Internetseite. Dort ­er­fuhr ich von einem Fernsehreporter namens Donal MacIntyre, der sich zehn Jahre zuvor als Undercover in die kriminelle Szene in ­Nottingham eingeschlichen hatte, um über Wayne Hardys Drogengeschäfte zu recherchieren. Seine Reportage wurde schließlich unter dem Titel World In Action ausgestrahlt, und Wayne musste ­erkennen, dass ihn der Mann, dem er einmal vertraut hatte, verraten hatte. Er war außer sich. Er wollte Rache üben. Tatsächlich setzte er sogar ein Kopfgeld von 50.000 £ auf Donal MacIntyre aus.

Ich schrieb eine E-Mail in der Hoffnung, dass Donal mir den Kontakt zu Wayne vermitteln könne, obwohl der Film schon so lange zurücklag. Es kam keine Antwort. Einen Monat später versuchte ich es nochmal und es meldete sich Donals Agent und teilte mir mit, dass meine aktuelle und die vorherige E-Mail an ihn weitergeleitet würden. Wieder hörte ich nichts. Später erfuhr ich, dass Donal ­MacIntyre meine E-Mails nicht ernstgenommen hatte und sie für eine Betrugsmasche von einem religiösen Spinner hielt, der nur vorgab, ein ­Offizier der Heilsarmee zu sein! Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass ein Offizier der Heilsarmee jemals mit Wayne hätte befreundet sein könnte. Ich schickte schließlich noch eine dritte E-Mail. Wieder wurde mir versichert, dass meine Mails an Donal weitergeleitet würden.

Jeder meiner Versuche endete in einer Sackgasse, doch auch nach vielen Gebeten und langem Nachdenken spürte ich, dass ich weitermachen musste. Ich kannte ihn aus meiner Zeit in Lincoln, in der ich Wayne im Gefängnis besucht hatte, sowie auch ein ­weiterer Offizier der Heilsarmee, der viele Jahre lang in Nottingham ge­lebt hatte. Ich rief diesen an und hoffte, dass er vielleicht etwas von Wayne gehört hatte. Das hatte er zwar nicht, aber er war jetzt für die Arbeit der ­Heilsarmee in der Region dort zuständig und meinte, er könne seine Kontakte vor Ort fragen.

In der Woche darauf berichtete er mir von zwei kriminellen Brüdern namens Hardy in der Gegend Nottingham/Bakersfield. Einer davon wäre vielleicht der, den ich suchte. Er erzählte, dass beim letzten ­Gerichtstermin eines der Hardy-Brüder die gesamte Straße abgesperrt worden war und man ihn unter schwerem Polizeischutz zum Gebäude gefahren hatte. Einer von ihnen war im Jahr zuvor ums Leben gekommen, als er auf der Trent Bridge sehr ungeschickt und unabsichtlich vor einen LKW stürzte und verstarb. Ich rief verschiedene christliche Gemeinden in Bakersfield an, die ich im Internet fand. Auch mein Offizierskollege forschte weiter, jedoch ohne Erfolg.

Ein paar Wochen später war ich für eine dreitägige Konferenz in Nottingham. Als ich in Richtung Stadt fuhr, war ich enttäuscht, dass es mir bis jetzt nicht gelungen war, Wayne aufzuspüren und dass ich ihn wohl kaum finden würde. Ich fragte mich, ob das alles Teil von Gottes Plan war und ob wir uns vielleicht doch noch vor Ort treffen würden. Doch da lag ich falsch, wie so oft, wenn ich herausfinden wollte, was Gott vorhatte. In Nottingham angekommen, schlug ich ihn im Telefonbuch nach, obwohl ich wusste, dass Wayne wohl kaum mit seinem Namen und seiner Adresse drin­stehen wür­de. Zugegebenermaßen eine dämliche Idee - als würde man im Telefonbuch nach KRIMINELLEN suchen! Es gab zwei Einträge unter Hardy in Bakersfield. Ich rief beide an, aber beide Nummern waren ohne Anschluss.

„Das sind bestimmt Familienmitglieder, die aus Versehen im Telefonbuch gelandet sind“, dachte ich mir. Ich notierte mir die Adressen und suchte zu Hause im Internet die Postleitzahl heraus. Ich schrieb an beide und wollte wissen, ob jemand einen Wayne Hardy kannte, der einmal in der Gegend gelebt hatte. Dann legte ich noch einen adressierten, frankierten Rückumschlag bei.

Am folgenden Dienstag klingelte das Telefon. Es war Wayne. Er freute sich genauso, mich zu hören, wie ich mich über ihn freute. ­Einer meiner Briefe war bei seiner Ex-Frau gelandet, der andere bei der alten Adresse seiner Mutter. Beide waren an ihn weitergeleitet worden. Er erzählte mir auch, dass Donal MacIntyre ihn ­gefragt hatte, ob er einen Offizier der Heilsarmee kennen würde, und Wayne hatte ihm das bestätigt.

Sein Bruder Dean war auf der Trent Bridge ums Leben gekommen, sein Vater war gestorben, er hatte einen zwölfjährigen, tod­kranken Sohn und eine heroinabhängige Tochter. Außerdem hatten er und Donal ihre Streitigkeiten nach dem Bericht für World In Action  beigelegt, Wayne war für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis gegangen, und Donal drehte aktuell - diesmal mit seiner Zustimmung - eine weitere Reportage über ihn. Er sagte, er würde mich gerne wiedersehen und auch ich meinte, ich würde mich sehr freuen. Dann fragte er mich, ob ich bei der Dokumentation mitmachen wolle. Ich würde darüber nachdenken, sagte ich ihm. Dann versprachen wir einander, in Verbindung zu bleiben und legten auf.

Ich schrieb eine E-Mail an Donal MacIntyres Webseite/Agenten:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Sie bitten, Mr Donal MacIntyre zu informieren, dass ich in Kontakt mit Wayne Hardy bin.

Vielen Dank. Mit freundlichen Grüßen Howard P. Webber ­(Kapitän)

Am folgenden Tag schrieb mir Donal höchstpersönlich:

Das ist ja fantastisch - er erzählt nur Gutes über Sie. Er hat mir einige Briefe gezeigt, die Sie ihm in den schwierigen Zeiten geschrieben haben.

Ich weiß, dass er sich sehr auf das Wiedersehen freut. Ich freue mich auch. Alles Gute,

Donal

 

Am selben Abend erhielt ich eine weitere E-Mail:

Sehr geehrter Mr Webber, ich heiße Andrew Swanwick und ­arbeite für die Firma Dare Films. Wir sind ein kleines Unternehmen, das sich auf Kriminaldokumentationen spezialisiert hat. Unser Chef ist Donal MacIntyre, den Sie ja kürzlich bezüglich Wayne Hardy kontaktiert haben.

Ich habe von Wayne erfahren, dass sie vor kurzem mit ihm ­ge­sprochen haben und bereit wären, ein Interview über ihn zu ­geben. Wie Sie ja sicher wissen, drehen wir aktuell eine Reportage über Wayne und würden gerne ein Interview mit Ihnen führen.

Sie sind sicher sehr beschäftigt, doch ich würde Sie trotzdem gerne für Montag, den 5. März, nach Nottingham einladen, wo weitere Dreharbeiten mit Wayne stattfinden. Er weiß Bescheid und würde sich freuen, wenn Sie Zeit hätten. Selbstverständlich übernimmt Dare Films sämtliche Kosten und gibt außerdem für Ihre Mühe eine Spende an die Heilsarmee.

Mit freundlichen Grüßen Ihr Andy Swanwick

 

Ich würde also beim Dreh dabei sein. Ich sagte in meinem Vorgesetzten Bescheid und fuhr am Sonntagnachmittag vor dem Dreh nach Nottingham, wo ich in demselben Hotel übernachtete, in dem ich nur wenige Tage zuvor für die Tagung untergekommen war. Dort hatte ich den Eigentümern von meiner Suche nach Wayne erzählt und davon, wie es ist, Gott zu kennen. Sie waren natürlich überrascht, dass ich schon so bald wieder da war, Wayne gefunden hatte und jetzt bei ­einer Reportage über ihn mitmachte.

Am Montagmorgen holte mich Andy Swanwick ab und brachte mich zum Gefängnis von Nottingham, wo einige Außenaufnahmen mit Wayne entstehen sollten. Es war so schön, ihn nach all den ­Jahren wiederzusehen. Er posierte für einige Aufnahmen und wir stiegen dann zusammen in einen Wagen, der uns zu einem Floristen brachte, wo Wayne Blumen für den Friedhof besorgte. So hatten wir Zeit, ein wenig zu plaudern.

Die Filmcrew entlud ihre Ausrüstung und baute alles auf, während Wayne und ich zum Friedhof gingen, auf dem so viele Jahre zuvor die Asche von Nisha und ihrer Tochter Sunnie ver­streut worden ­waren. Wayne legte die Blumen an der Gedenktafel nieder und sprach von seinen Qualen, seiner Schuld und seiner Wut. Er erzählte, dass es kein richtiges Grab gebe, keine getrennten Särge und dass er nicht bei der Organisation der Beerdigung hatte mitreden dürfen, da er damals im Gefängnis gesessen hatte. Seine Trauer war deutlich zu spüren.

Dann besuchten wir das Grab seines Bruders Dean. Wayne hatte einen ziemlich großen Marmorgrabstein aufstellen lassen - doppelt so groß wie all die anderen - und hatte keine Kosten und ­Mühen gescheut. Auf dem Grabstein prangte ein Foto von Waynes Bruder, und die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Die Crew hatte uns dezente Mikrofone angesteckt und begann mit den Dreharbeiten, während wir noch sprachen.

Wayne erzählte mir, wie sein Bruder zu Tode gekommen war, als er über die Trent Bridge ging. Er hatte sich gerade mit Wayne unter­halten und war rückwärts gelaufen, dabei in einen Laternen­pfahl gekracht und direkt vor einem LKW auf die Fahrbahn gestürzt. Er war sehr unglücklich gefallen und vor Waynes Augen gestorben. Sie standen einander sehr nahe. Wayne trauerte noch immer.

Die Filmleute baten uns, für ihre Aufnahmen über den Friedhof zu spazieren und uns dabei zu unterhalten, bevor wir schließlich zur Gedenktafel zurückkehrten, wo noch einige Szenen gedreht werden sollten. In einzelnen Momenten fand ich es angebracht, mit Wayne zu beten und die Crew unterbrach dann kurz ihre Arbeit.

Nach Abschluss der Dreharbeiten auf dem Friedhof wurden wir zum Bahnhof gefahren, wo Wayne und ich uns unter den Anweisungen von Donal in ein Café setzten und uns unterhielten. Wayne wollte von mir wissen, wie ich zum Glauben gefunden hatte und wir sprachen darüber, was mit ihm damals im Gefängnis passiert war, als er Christus in sein Leben eingeladen hatte. Danach ging es ­weiter in ein Tattoostudio, wo Wayne dabei gefilmt wurde, wie er sich ein Tattoo auffrischen ließ. Wir hatten eigentlich gedacht, dass es nur eine kurze Aufnahme von dem großen Tattoo von Jesus am Kreuz werden würde, das sich Wayne auf den Rücken hatte stechen lassen, als er zwei Jahre in Südafrika war. Doch sie frischten die gesamte Tätowierung auf - das Ganze dauerte zwei Stunden! Die Mit­arbeiter im Studio und auch andere Männer aus Waynes Kreisen, die er vor dem Laden traf, begegneten ihm mit Ehrfurcht und Respekt. Als der Tätowierer schließlich fertig war, blutete Waynes ganzer Rücken, er hatte Schmerzen und wir waren alle hungrig. Es war schon vier Uhr nachmittags, die ­Mittagszeit war lange vorbei, und wir fuhren in ein Restaurant. Wir hatten viel Spaß zusammen, lachten und ­unterhielten uns. Nach dem Essen wurden Aufnahmen von Donal und Wayne beim Billardspielen gemacht, und ich unter­hielt mich ange­regt mit zwei Mitgliedern der Filmcrew über geistliche Themen.

Vom Restaurant ging es weiter zu unserem letzten Ziel, der Wohnung von Waynes 24-jähriger Tochter Kyley. Sie war sehr liebenswür­dig, hatte aber leider ein Heroinproblem. Schon den ganzen Tag lang war sie gierig nach dem nächsten Schuss. Der Besuch brach mir das Herz. Ich fühlte mich etwas fehl am Platz, als Wayne einmal sehr wütend wurde und das seine Tochter auch deutlich spüren ließ. Man spürte seine Liebe zu ihr, seine Sorge und seinen Frust, seine Wut und seine Hilflosigkeit. Die Sucht hatte ihrer Gesundheit ganz schön zugesetzt, und wenn sich nicht bald etwas änderte, war klar, wohin das Ganze führen würde. Mein Herz war so schwer, als man mich zum Hotel zurückfuhr, wo mein Auto stand.

Noch im selben Jahr wurde die Doku auf Channel 5 ausgestrahlt und es gab Pläne, eine längere Version weltweit zu vertreiben. ­Donal erklärte mir, dass es in dem Film um Wiedergutmachung ging. Er sollte zeigen, dass Waynes Lebenswandel ihn zwar finanziell reich­gemacht hatte, doch auf persönlicher Ebene hatte er dafür einen hohen Preis gezahlt. Der Film sollte einen Mann zeigen, der die Dinge wieder in Ordnung bringen will, der einen Wandel im Leben seiner Mitmenschen bewirken und sie davon abhalten will, die gleichen Fehler zu begehen, die er so bereut.

Wayne war zwar nicht mehr auf dem Weg Christi unterwegs, so wie damals im Gefängnis, doch die Erinnerung an diese Zeit war noch immer lebendig, die Sehnsucht war noch da. Aus dieser Sehnsucht ­heraus war das Tattoo von Jesus am Kreuz auf seinem Rücken ent­standen, als er für zwei Jahre in Südafrika lebte. Er hatte geglaubt, dass er dadurch wieder die Nähe Jesu spüren ­wür­de, doch er wusste genau, dass der richtige Platz für Jesus Christus nicht auf seinem Rücken, sondern in seinem Herzen war. Ich bete auch weiterhin dafür, dass Wayne ihn irgendwann wieder in sein Herz lassen will.

Die Geschichte ist noch nicht vorbei.

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