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In der Schule bei Jesus (Johannes 4,1-42)

Kapitel 16 aus „Begegnung mit Jesus“

Howard Webber: Begegnung mit Jesus

Howard Webber ist hauptamtlicher Geistlicher bei der Heilsarmee (Offizier) aus England. Er beschreibt sich als ein schüchterner Mensch, der nicht gerne redet und schon gar nicht gerne von Jesus. Was aber passiert, wenn er es trotzdem tut und wie Gottes Liebe dadurch Menschen verändert, - das beschreibt er in seinem Buch „Begegnung mit Jesus“.

Mich haben seine Erlebnisse und Begegnungen mit Jesus sehr berührt. Und genau das wünsche ich mir für mich und uns als Heilsarmee auch – dass wir mitten in unserem Alltag, in den täglichen herausfordernden Situationen, Jesus begegnen. Und erleben, was er bewirken kann.

Nach und nach stellen wir Ihnen monatlich jeweils eine der 20 Lebensgeschichten aus dem Buch von Howard Webber vor. Übersetzt von der Heilsarmee in der Schweiz danken wir herzlich für diese Bereicherung.

Viel Gewinn beim Lesen wünsche ich uns,

Anette Janowski
Entwicklung geistlichen Lebens

 

PS: Das vollständige Buch kann unter diesem Link bestellt werden.

Ich habe viel gelernt und lerne bis heute von Jesus, indem ich ­einfach genau zusehe und zuhöre. Lassen Sie mich eine dieser Lektionen mit Ihnen teilen. Stellen wir uns vor, wir sind in einem Klassenzimmer und Jesus ist unser Lehrer. Doch es ist kein Unterrichtsraum in irgendeinem grauen Universitätsgebäude oder in einer roten Backsteinschule. Es gibt auch keine Bücher oder Kugelschreiber, keinen Projektor oder Multimedia-Instrumente. Wir sind draußen und sehen Jesus zu.

Es ist eine Sache, in unseren bequemen Sesseln die Heilige Schrift zu lesen, doch es ist etwas ganz anderes, Gott im echten Leben zu ­beobachten. Die Evangelien lehren uns, dass wir uns von ihnen ­führen lassen müssen, sodass wir bestimmte Situationen am eigenen Leib erfahren. Nur dann können wir Jesu Gedanken, seinen Antrieb und seinen Geist, jede Feinheit seiner Worte und Taten wirklich begreifen.

Man kann die Dinge auch aus der Ferne betrachten, die moderne Theologie gibt uns dazu mächtige Werkzeuge in die Hand. Doch manchmal müssen wir auch aus Situationen im echten Leben lernen und zusehen, wie sich die Ereignisse vor unseren Augen ent­falten.

Setzen wir uns an diesem heißen, trockenen, staubigen Tag doch einfach unter diesen Baum und schauen, was passiert. Es ist Mittag und die Sonne steht im Zenit. Keine Menschenseele weit und breit. Bloß ein zu dieser Tageszeit verlassener Brunnen liegt zu unserer ­Linken. In der Ferne sehe ich eine Menschengruppe näherkommen. Als sie sich immer weiter nähern, erkenne ich mehr Details.

Ich sehe, wie sie auf der Straße nach Sychar vorbei ziehen, während ein einzelner Mann sich weiter auf mich zu bewegt. Er ist offensichtlich sehr erschöpft. Er schleppt sich zum Brunnen und lässt sich neben dem Mäuerchen nieder. Es ist Jesus. Er ist müde, durstig und hungrig. Obwohl Gott ihm die Macht gab, die Fünftausend zu speisen, nutzt er diese Kraft nicht für sich selbst. Statdessen schickt er seine Jünger los, etwas zu essen zu besorgen - aber ist das wirklich der Grund?

Während er dasitzt, beobachtet er eine Frau, die mit einem Krug auf den Brunnen zukommt. Normalerweise holt niemand um diese Zeit Wasser. Die Frauen aus dem Dorf kommen sonst immer in der Abendkühle vorbei und unterhalten sich über dies und das. Hat sie einfach nur schlecht geplant? Braucht sie mehr Wasser? Oder wurde sie etwa von den anderen Frauen verstoßen, gar aus der Gesellschaft ausgeschlossen? Niemand verrichtet freiwillig in dieser Hitze körperliche Arbeit!

„Gibst du mir zu trinken?“, fragt Jesus. Die Worte überraschen sie. Für uns ist das Geschehen wie ein wahrer Rausch aus Farbe und Schönheit - ein steter Quell der Freude.

„Wie sehr Gott uns doch liebt!“ Mir kommen die Tränen, wenn ich unseren allmächtigen Herrn aus purer Liebe zu mir dort sitzen sehe: Er, der Allwissende, von Ewigkeit zu Ewigkeit, dessen bloßes Flüstern das Universum hinwegfegen kann. Dort sitzt er im Staub und bittet einen von uns um Wasser! Er, durch den und für den alles erschaffen wurde, reicher, als wir es mit unserem sterblichen Geist je erfassen können, wählt die Armut - aus reiner Liebe zu uns!

Die Krippe ist nicht seine eigene, sein Grab gehört ihm nicht, und auch der Esel, mit dem er glorreich in Jerusalem einzieht, ist nur geliehen und will wohlbehalten zurückgebracht werden. Doch Er, nur Er allein kann den Durst unserer vertrockneten, verdorrten Seelen stillen.

Er vertraut auf die Güte dieser Frau. Wie jemand, der sich ihrer freundlichen Antwort schon gewiss ist. Er erwartet nichts anderes als Güte von ihr. Dabei geht er selbstverständlich davon aus, dass diese Frau tugendhaft ist, im Gegensatz zu all denen, die vorgeben, sie am besten zu kennen und sie als schändlich betrachten. Nur diese fünf Worte braucht es, um den tiefen Graben zwischen Juden und Samaritern zu überbrücken. Etwas, was nur wenige Menschen wagen.

Gott ist die ewige Brücke über den von Menschen selbstgeschaffenen Abgrund. Körperlich steht diese Frau nun oben am Brunnen, doch der Brunnen ihrer Seele ist leer und ausgeschöpft. Wie sehr Gott uns doch liebt! Er könnte einfach auf seinem Thron sitzen, uns strafen und verbannen, doch seine Liebe ist so groß, dass er sich zu uns in den Dreck niedersetzt und uns den Pfad aus der Hölle und in den Himmel weist.

Sitzt Jesus vielleicht einfach nur dort im Staub, weil er müde ist, oder will er diese Frau nicht einschüchtern und verletzlich machen, indem er sich über sie erhebt? Lässt er sie deshalb auf ihn ­herabsehen?

Jesus weiß, dass die Augen und alles Streben der Frau auf den Brunnen und auf das Wasser gerichtet sind, und daher holt er sie dort ab, wo sie ist. Während wir dort sitzen und die Szene be­obachten, sehen wir, wie er sich in ihrer eigenen Welt offenbart.

Die Frau ist über den Wunsch von Jesus verwundert. Sie ist Samariterin und er ein Jude. Diese Gruppen sind wie Öl und Wasser und mischen sich nie. Tatsächlich galt es in gehobenen jüdischen Kreisen als unanständig und war sogar verpönt, als Rabbiner über­haupt mit einer Frau zu sprechen.

Doch Jesus bricht wie so oft mit der Konvention und den Sitten, und die Frau entgegnet: „Aber du bist doch Jude!“ Ob sie das abfällig meinte, wissen wir nicht. Falls dies eine Beleidigung gewesen sein sollte, so ignoriert Jesus sie und auch ihren Einwand. Doch er geht der Spannung zwischen ihnen beiden nicht aus dem Weg.

Er spricht: „Wenn du wüsstest, was Gott dir geben will und wer dich hier um Wasser bittet ...“ (Vers 10). Wir erkennen, dass die Frau nichts von diesem Geschehen begreift. Doch wir, die wir von uns behaupten, wir würden Jesus so gut kennen - begreifen wir so viel mehr? Können wir auch nur im Ansatz verstehen, was Gott uns gibt und wer da zu uns spricht und uns um etwas bittet?

Die Antwort der Frau zeigt nur, wie tief der Graben zwischen ­ihnen ist. Er ist der Quell des Lebens, während sie sich mit Eimern, Krügen und den beschwerlichen Alltagspflichten herumschlägt. Nicht einmal aus der Ferne kann sie ahnen, wie viel höher er steht und wohin er sie erheben möchte.

„Kannst du etwa mehr als Jakob, unser Stammvater?“, will sie wissen. Das kann er sehr wohl, doch darum geht es in diesem ­Moment nicht, und er kann ihr die Wahrheit noch nicht offenbaren. Wir fragen uns: „Ist das Sarkasmus in ihrer Stimme - eine weitere Beleidigung?“ Jesus scheint das jedenfalls nicht zu kümmern. Er nimmt den Schmerz an, da sie ihm wichtiger ist, als er sich selbst. Auch ihre Unwissenheit stört ihn nicht. Er hält dieser Frau, die er da näher zu sich lockt, den Köder am Haken vors Gesicht.

Er erzählt ihr, dass er ihr reines Wasser geben kann und dass seine Quelle nie versiegt! Doch sie versteht es nicht. Sie hat sich seit dem Beginn des Gespräches nicht weiter auf ihn zu bewegt. Jesus und die Frau stehen immer noch auf völlig verschiedenen Ebenen. Doch ­Jesus weiß, dass sie angebissen hat und den Köder nur noch schlucken muss. Sie prüft nur noch den Geschmack, die Beschaffenheit. Selbst, wenn sie es noch nicht ahnt, hat sie die Botschaft doch vernommen. Sie ist in ihrem Geist angekommen, die Saat ist ausgebracht. Wenn sie bereit ist, wird der Heilige Geist sich ihr offenbaren.

Jesus belässt es bei diesem Angebot und fragt, ob er ihren Mann kennenlernen könne. Sie antwortet, dass sie nicht verheiratet sei. Da erzählt ihr Jesus, dass er schon alles über ihre früheren und derzeitigen Männerbeziehungen weiß und zeigt sich zu ihrer (und auch ­unserer) Überraschung gütig, wo eigentlich Verdammnis zu erwarten gewesen wäre.

„Das stimmt“, sagt er (Vers 17). „Da hast du die Wahrheit gesagt.“ Anders ausgedrückt: „Du bist eine ehrliche Frau.“ Noch eine Tugend. Auch in der größten, dunkelsten Berghalde sucht Jesus noch immer nach dem Goldschimmer, so klein er auch sein mag. „Das geknickte Schilfrohr wird er nicht abbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen.“ (Matthäus 12,20).

Sie ist erstaunt, was Jesus über sie weiß, genau wie es auch ­Nathanael eine Weile vorher war (Johannes 1,48-49). Vielleicht war das Wissen Christi über diese Frau übernatürlich. Andererseits wissen wir aber auch, dass unser Erlöser seine Umwelt stets aufmerksam beobachtete. Er verlor sich niemals selbst so sehr in seinen Taten und Worten, dass er darüber das Geschehen ringsum ausgeblendet hätte.

Jesus war feinfühlig und hatte ein gutes Urteilsvermögen. Diese Qualitäten will der Heilige Geist allen Menschen schenken, die ihm nachfolgen, und auch wir können uns daran ein Beispiel nehmen. Stimmungen, Anspielungen und nichtsprachliche Signale nahm er hervorragend wahr. Es gibt zwar keine biblischen Belege dafür, aber es würde mich nicht wundern, wenn Jesus kurze Zeit zuvor schon einmal die Straße nach Jerusalem entlanggekommen war und in Sychar vielleicht etwas über die Frau aufgeschnappt hatte. Vielleicht hatte er sich sogar an demselben Brunnen erfrischt und dort die anderen Frauen über sie sprechen hören. Vielleicht hatte er gehofft, die arme Frau auf dem Rückweg genau dort zu treffen und hatte deshalb an diesem Ort angehalten. Beide dieser Möglichkeiten passen zu dem, was wir über Jesu Empfindsamkeit gegenüber seinen Mitmenschen und über seine Nähe zu Gott wissen.

Theologen sind der Ansicht, dass es sich bei Sychar um das ­arabische Dorf Askar etwa 800 Meter nördlich von Jakobs Brunnen handeln könnte. Es ist schon eigenartig, dass Jesus seine Jünger losgeschickt hat, um Essen zu besorgen, um sie dann wieder zu ihm zurückkehren zu lassen, bevor sie denselben Weg wieder nach Norden gehen. Vielleicht wollte er die Jünger nicht dabeihaben, als er versuchte, diese Frau zu erreichen. Wir, die wir Jesus lieben, können für ihn manchmal eher ein Hindernis als eine Hilfe sein. Es ist auch geradezu amüsant, dass die Jünger für diese eine Mahlzeit den ganzen Weg ins Dorf und wieder zurück laufen und dann fest­stellen müssen, dass ­Jesus überhaupt keinen Hunger mehr hat!

Die Frau beginnt nun Dinge des Glaubens anzusprechen, sie zeigt erste Anzeichen von geistlichem Durst, wenngleich ihre Fragen sich noch mehr um religiöse Praktiken als um geistliche Realitäten drehen. Nun kann Jesus sie näher an sein Ziel führen. Er führt sie dahin, ihr zu zeigen, wo Gott angebetet werden soll, welches ihre Hauptfrage war und ebenfalls das ihrer Zeitgenossen, die glaubten, es sei Gottes Hauptfrage, wo wir Gott anbeten sollen. Jesus zeigt ihr aber, dass es darauf ankommt, wie man Gott anbetet - „von seinem (Gottes) Geist erfüllt und in seiner Wahrheit lebend“ (Vers 24). Genau darauf kommt es in unseren Gottesdiensten und in unserem Umgang mit Gott an. Jesus spricht mit solch einer Autorität, wie noch kein Rabbi zu dieser Frau gesprochen hatte und ihr kommt ein Gedanke. Darf sie es wagen, was sie gerade denkt? Könnte es sein dass …? Nein! Aber ...!

„Ja, ich weiß, dass der Messias einst kommen soll, der von Gott versprochene Retter. Wenn dieser kommt, wird er uns das alles erklären.“ (Vers 25). Sie ist bereit, sie hat angebissen. Nun muss Jesus sie nur noch zu sich holen.

„Du sprichst mit ihm. Ich bin es.“

Wunder über Wunder, sie die Geringste unter den Geringen ­kommt zu einem Punkt im Gespräch, den die suchenden, gelehrigen, aufmerksamen Jünger Christi erst in einem späteren Zeit­punkt erreichen. Ihr Glaube ist unvollständig und ihr Wissen über den Erlöser mehr als dürftig, aber sie hat einen Platz im göttlichen Plan. Die Barriere ihrer sündigen Vergangenheit ist aufgedeckt und weg­gewischt. Sie hat dem Heiligen Geist die Erlaubnis gegeben, sie in eine Welt hineinzuführen, die sie sich zuvor nie hätte vorstellen können.

Wenn wir jetzt die Jünger zurückkehren sehen, können wir über ihre erstaunten Gesichter schmunzeln, als sie Jesus und die nun frohe Frau erblicken. Es braucht nicht viel, um aus den Augen solch einer Frau, aus ihren derben, direkten Worten auf ihre Vergangenheit zu schließen. Die Jünger erkennen sofort, welchen niedrigen Status sie hat (oder vielmehr hatte); sie können sich nur wundern, doch nicht einmal Petrus sagt ein Wort.

Nachdem die Frau wieder nach Hause zurückkehrt, wendet sich Jesus seinen Jüngern zu. Als sie ihn zurückgelassen hatten, war er müde und hungrig gewesen. Jetzt ist er erfrischt und voller Energie. Hier zeigte sich, was schon der Prophet Jesaja sagte: „Den Erschöpften gibt er neue Kraft, und die Schwachen macht er stark. Selbst junge Menschen ermüden und werden kraftlos, starke Männer stolpern und brechen zusammen.

Aber alle, die ihre Hoffnung auf den HERRN setzen, bekommen neue Kraft.“ (Jesaja 40,29-31). Jesus hungerte danach, die Arbeit für seinen Vater zu verrichten, und er ging so darin auf, dass er kein ­Verlangen mehr nach dem Essen hat, das seine Jünger eingekauft hatten.

Unser Verlangen richtet sich oft mehr auf die körperlichen als auf die seelischen Bedürfnisse, mehr auf die weltlichen Dinge, die uns doch nie vollständig erfüllen können, statt auf das Himmlische, das im Übermaß vorhanden ist. Die Jünger machen sich Sorgen, haben Angst um ihn und flehen ihn an, doch etwas zu essen. Er ent­gegnet, er habe bereit gegessen - ein Mahl, von dem sie - bis dahin - noch nichts wüssten. Sie fragen sich, wer der geheime Wohltäter gewesen sein könnte. „Für alle guten Christen gilt: Sie essen von ­einem Fleisch, das den übrigen Menschen ganz unbekannt ist und sie sind von einer Freude erfüllt, die ein Fremder nie erahnen kann.“ (Matthew Henry).

Jesus erklärt seinen Jüngern, dass er gerade Ernte eingebracht hatte, eine dringende Aufgabe, die keinen Aufschub duldete, oder die man einfach vier Monate später erledigen könnte, wenn normalerweise Erntezeit wäre. Dieses Beispiel zeigt uns, dass wir die Dinge nicht aufschieben sollten, nur weil wir müde oder erschöpft sind, oder weil uns vielleicht gerade nicht danach ist.

Es ist eine lohnende Arbeit. Jesus sagt: „Wer sie einbringt, ­bekommt schon jetzt seinen Lohn und sammelt Frucht für das ewige ­Leben. Beide sollen sich über die Ernte freuen: wer gesät hat und wer die Ernte einbringt. (v 36). Obwohl es eine ewige Belohnung, die auf diejenigen wartet, die tun, was Gott von ihnen verlangt, der ­Schnitter erhält jetzt eine Belohnung. Jesus wurde belohnt, erfüllt und ­erfrischt, als er die Frau zu sich zog. Und die Sämänner, die nichts von ihrer Arbeit ­sehen - ein gesätes Feld sieht am nächsten Tag genauso aus wie am Tag ­zuvor – feiern mit den Schnittern. Sie freuen sich über die Ergebnisse ihrer harten Arbeit. Es gibt viele Sämänner, die in den Himmel kommen, nachdem sie treu guten Samen in guten Boden gesät haben. Und dies, obwohl sie sterben mussten, ohne Frucht ihrer Arbeit sehen zu können. Wie sie vor Freude in der Königsloge auf und ab springen müssen, in der himmlischen Arena, beim Anblick des Schnitters (den sie möglicherweise nie gekannt hatten) oder erntete, was sie säten.

Die Ernte ist oft ein Leichtes. Häufig hat jemand anderes die Saat gesät, die Pflanzen gesetzt. Wieder ein anderer hat sie gegossen (1.  Korinther 3,6-9), und Gott hat die Frucht reifen lassen und erntereif gemacht. Das Säen ist die eigentliche harte Arbeit, eine einsame ­Arbeit, die einem mitunter die Seele bricht. Der Sämann steht vor dem Morgengrauen auf, wenn es oft noch kalt und nass ist. Er ­schleppt sich aufs Feld hinaus und stöhnt, wenn der Frost an seinen Fingern nagt.

Ganz anders hingegen derjenige, der die Ernte einfährt. Geerntet wird im Sommer, wenn es warm und einladend ist. Er nimmt die Sense oder steigt die Leiter hoch zum Baum und bekommt nichts von der Enttäuschung und den Fehlschlägen mit, sondern sieht oft nur die Früchte der Arbeit. Auch die Ernte ist anstrengend, doch sie ist so einfach im Vergleich zur Aussaat. Beim Säen werden oft Tränen vergossen, während die Ernte voller Freude eingebracht wird. (Psalm 126,5). Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Ich habe euch auf ein Feld geschickt, das ihr nicht bestellt habt, damit ihr dort ernten sollt. ­Andere haben sich vor euch abgemüht, und ihr erntet die Früchte ihrer Arbeit.“ (Vers 38). Die Propheten des Alten Testaments ­haben die Saat ausgebracht, häufig unter Tränen. Doch wären sie nicht gewesen, hätte die Frau niemals gesagt: „Ja, ich weiß, dass einmal der Messias kommen soll.“ (Vers 25).

Bevor wir diese Szene nun wieder still und heimlich verlassen, ­sehen wir, dass der Krug noch immer da steht, wo die Frau ihn abgestellt hat - ungefüllt! (Vers 28). Doch nicht nur uns fällt dies auf. Auch einer der Jünger bemerkt den Krug und berichtet der Nachwelt davon. Und was ist nun mit dem Wasser? Jene Dinge, die uns ­einmal so wichtig, so unentbehrlich schienen, werden unwichtig und nebensächlich, wenn wir Christus finden. Und was uns vorher völlig unbedeutend vorkam, wird unser Ein und Alles.

Moment mal! Wer kommt denn da die Straße entlang? Das ist ja die Frau, die eine ganze Gruppe anführt. Sie hat ihnen erzählt, was sie erlebt hat und nun wollen die anderen Jesus selber kennenlernen. Man sollte nie unterschätzen, wie wertvoll es ist, die Botschaft mit auch nur einem einzigen Menschen zu teilen auf den man all seine Bestrebungen, Aufmerksamkeit und Ermutigung konzentriert. Man kann nie wissen, wohin Gott die Wellen schickt, wenn man nur einen einzigen Stein in den Teich wirft.

Eine Frau bat einmal Gott um Hilfe für ihren Sohn und die Ergeb­nisse dieses Gebets wirken noch heute in China, diesem großen Land, nach. Und der Name ihres Sohnes, der später Missionar wurde? James Hudson Taylor.

Ein Mann namens Albert McMakin nahm sich einmal eines Jugend­lichen an, der überhaupt kein Interesse an geistlichen Dingen zu ­haben schien. Als ein Prediger des Evangeliums in die Stadt kam, schlug der junge Mann sämtliche von Alberts Einladungen aus, ihm zuzuhören. Doch Albert gab nicht auf, obwohl er schon ein wenig entmutigt war. Er hatte einen Truck und bot dem Sechzehnjährigen an, damit zu der Versammlung zu fahren. Das wirkte. Billy fuhr mit dem Truck voller junger Leute zu der Veran­staltung und war gefesselt von dem, was er da hörte. Sein Leben änderte sich von da an komplett. Albert hatte den Einen zu Gott gebracht, der später einmal Millionen erreichen sollte. Und der hieß? Billy Graham. Man sagt, dass Billy Graham in seinen öffentlichen Veranstaltungen mehr Menschen persönlich von Jesus erzählt hat, als irgendjemand sonst in der Geschichte - mehr als 200 Millionen Menschen. Es ist also nie zu unterschätzen, wie wichtig diese eine Person sein kann. Sie könnte für Gott die Schleusentore öffnen.

Als Jesus seinen Jüngern sagte, die Felder seien reif für die Ernte (Vers 35), fragten diese sich möglicherweise, woher er das wisse, da er ja nur mit einer einzigen Menschenseele gesprochen hatte. Und jetzt schauen wir uns mal ihre Gesichter an, als die Frau nun mit einer ganzen Menschenmasse im Schlepptau wieder auftaucht.

Ich möchte alle Prediger in kleinen Gemeinden, deren Zuhörer nicht auf ehrliche Bemühungen einzugehen scheinen, ermutigen, sich nicht täuschen zu lassen. Vielleicht spielt sich gerade viel mehr ab, als sich von außen erahnen lässt.

Nach langen Jahren als Missionar in Südafrika kehrte Robert Moffat nach Schottland zurück, um noch mehr Helfer anzuwerben. Als er in einer kalten, dunklen Winternacht in der Kirche ankam, in der er einen Vortrag halten sollte, war er enttäuscht über die kleine Gruppe. Es störte ihn sogar noch mehr, dass nur Frauen da waren. Er war natürlich dankbar für ihr Interesse, doch er hatte gehofft, auch Männer anzusprechen und dafür folgenden Predigttext ausgewählt: „O ihr Männer, euch rufe ich und erhebe meine Stimme zu den Menschenkindern!“ (Sprüche 8,4, Lutherbibel 2017).

In seiner Enttäuschung hätte er beinahe den kleinen Jungen übersehen, der auf der Empore den Blasebalg für die Orgel betätigte. Moffat war frustriert, als er seinen Appell aussprach, denn nur ­wenige Frauen wären für das harte Missionarsleben im unzivilisierten Dschungel geeignet gewesen. Doch Gott wirkte in dieser Kirche und Moffat ahnte nichts von der Ernte, die noch kommen sollte, da sich an jenem Abend keine Freiwilligen meldeten.

Der junge Assistent des Organisten war sehr bewegt von seinem Aufruf, und er versprach Gott noch an Ort und Stelle, dass er in die Fußstapfen dieses Pionier-Missionars treten würde. Er hielt sein Wort. Als Erwachsener predigte er in den entlegenen Stämmen Afrikas. Wer war dieser Mann? David Livingstone! Moffat wunderte sich ein Leben lang, dass sein Aufruf an die Männer diesen kleinen Jungen so bewegt hatte, der schließlich so ein mächtiges Werkzeug Gottes wurde.

„Ist dir schon einmal aufgefallen“, fragte mich einmal ein Freund, „dass Jesu Jünger nur mit „Butterbroten“ zurückkommen, während die Frau aber eine ganze Horde von Suchenden aus dem Dorf mitbringt?“

„Nein, das ist mir bisher noch nicht aufgefallen“, antworte ich. „Ist das nicht eigenartig, dass diese Frau, die Jesus gerade erst kennengelernt hat, die ganze Zeit über ihn spricht - und seine treuen Jünger, die ihn schon länger kennen ...?“

Wir brechen nun später als geplant wieder von unserem Schattenplatz unter dem Baum auf. Jesus wird wegen der Menschenmenge noch zwei weitere Tage bleiben und wir spüren, dass wir nach dieser kurzen Begegnung mit unserem Lehrmeister gerade erst begonnen haben, die Schönheit und Wahrheit aus diesem Brunnen zu schöpfen. Ich bin mir sicher, dass Johannes, der dieses und so viele andere Ereig­nisse im Leben Jesu beschreibt, wohl auch zu dieser Begebenheit gesagt hätte: „Es sind noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat. Wenn aber eins nach dem andern aufgeschrieben werden sollte, so würde, meine ich, die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären.“ (Johannes 21,25, Lutherbibel 2017).

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