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Späte Ernte

Kapitel 8 aus „Begegnung mit Jesus“

Howard Webber: Begegnung mit Jesus

Howard Webber ist hauptamtlicher Geistlicher bei der Heilsarmee (Offizier) aus England. Er beschreibt sich als ein schüchterner Mensch, der nicht gerne redet und schon gar nicht gerne von Jesus. Was aber passiert, wenn er es trotzdem tut und wie Gottes Liebe dadurch Menschen verändert, - das beschreibt er in seinem Buch „Begegnung mit Jesus“.

Mich haben seine Erlebnisse und Begegnungen mit Jesus sehr berührt. Und genau das wünsche ich mir für mich und uns als Heilsarmee auch – dass wir mitten in unserem Alltag, in den täglichen herausfordernden Situationen, Jesus begegnen. Und erleben, was er bewirken kann.

Nach und nach stellen wir Ihnen monatlich jeweils eine der 20 Lebensgeschichten aus dem Buch von Howard Webber vor. Übersetzt von der Heilsarmee in der Schweiz danken wir herzlich für diese Bereicherung.

Viel Gewinn beim Lesen wünsche ich uns,

Anette Janowski
Entwicklung geistlichen Lebens

 

PS: Das vollständige Buch kann unter diesem Link bestellt werden.

Samstagabends, kurz vor Ladenschluss, fuhr ich normalerweise mit meinen Fahrzeug zu einem grossen Laden in der Stadt. Das Fahrzeug gehörte früher einem Handwerker. Jemand hatte es dann für mich zu einem Wohnwagen umgebaut. Ich stellte den Van bei der Liefer­antenzufuhr ab. Damals gab es noch keine Minibusse. Auch wenn es diese gegeben hätte, wäre es für mich, meine fünf Kinder und meine Frau nicht möglich gewesen, solch ein Fahrzeug zu erwerben, und Limousinen Autos waren nicht groß genug. Dieser umgebaute Van hatte nicht nur Sitze, sondern auch Betten, einen Abwaschtrog, einen Gasherd und alles was man sonst für einen – wenn auch beschei­denen – Urlaub brauchte. Man musste nur noch ein Zelt einpacken. Man konnte damit außerdem auch allerlei andere Dinge transpor­tieren, die nichts mit der Familie zu tun hatten. Der Van eignete sich zum Beispiel auch bestens dafür, um Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden konnten, bei diesem Geschäft, vor dessen Hinter­eingang ich nun parkte, abzuholen.

Etwa eine halbe Stunde nach Ladenschluss rasselten die Metall­gitter nach oben. Transportkarren voller Plastikbehälter mit Früchten, Obst, Fertiggerichten und allerlei nahrhaften Kleinigkeiten wurden nach draußen geschoben. Jede Woche musste ich puzzeln, um meinen Van richtig zu beladen, was keine leichte Aufgabe war. Dann fuhr ich zum örtlichen Careline-Hilfszentrum und entlud alle Behälter auf ihrem Parkplatz. Mit Hilfe einer Liste aller Bedürftigen arrangierte ich diese neu und lud sie dann wieder in den Van. Ein paar Behälter ließ ich für die Mitarbeiter von Careline übrig.

Was genau war Careline? In der Stadt gab es eine Menge älterer Menschen. Einige lebten in Pflegeheimen oder in betreuten Wohn­einrichtungen, andere waren noch unabhängig und wohnten zu Hause. Sie alle hatten einen direkten Telefonanschluss und einen Notfallknopf oder eine Notfallkordel, mit der sie das Hilfszentrum vierundzwanzig Stunden am Tag erreichen konnten. Neben der Notfallbereitschaft rund um die Uhr schickte das Zentrum auch täglich Mitarbeiter auf Hausbesuche. Ich bot den Mitarbeitern an, mit ihnen zusammen die Lebensmittel an besonders Bedürftige auszuliefern. Sie waren von der Idee ganz angetan. Sie kannten ihre Leute besser als ich und die Lebensmittel ganz alleine zu verteilen wäre schnell zum logistischen Alb­traum geworden. Nach meinen Lieferungen für Careline verbrachte ich die nächsten zwei Stunden damit, die restlichen Behälter an arme Familien oder Familien in prekären Ver­hältnissen zu verteilen.

Es war immer wieder schwierig, sich Menschen in einer Notsituation das erste Mal vorzustellen und sich einzubringen, ohne dabei Scham oder eine Abwehrhaltung auszulösen. Die meisten Menschen sahen sich in ihrer Selbstachtung und in ihrem Selbst­wertgefühl von solchen Hilfsangeboten bedroht. Wenn Eltern kaum das Nötigste für ihre Familien beschaffen konnten, zweifelten sie insgeheim an ihren Fähigkeiten, an ihrer Eignung oder an ihrem Wert als Eltern. Ein Hilfsangebot, ganz gleich, wie bescheiden und vorsichtig es auch vorgetragen wurde, nahmen sie als Schuld­spruch, als Verurteilung wahr.

Einmal gab mir jemand die Adresse einer Wohnanlage, in der eine fünfköpfige Familie mit einem kleinen Baby lebte. Der Ehemann war Langzeitarbeitsloser und die Mutter konnte wegen eines Hüftleidens nur schlecht laufen. Ich fand das Haus, parkte und klopfte an. Von draußen hörte ich die spielenden Kinder schreien. Ich klopfte noch einmal an, da sie mich bestimmt nicht gehört hatten. Schließlich öffnete die Mutter die Tür. Ich stellte mich kurz vor woher ich komme und dass ich gerade in der Gegend gewesen war und fragte, ob sie vielleicht ein paar Lebensmittel gebrauchen könnten, weil ihr Budget so knapp sei. Sie hieß Elizabeth.

„Lebensmittel? Und ob!“ grinste sie, „vielen Dank.“ „Wenn Sie die Tür offenlassen, bringe ich die Sachen direkt in die Küche. Wäre das in Ordnung? Ich kann Ihnen mehrere Behälter voll Lebensmittel dalassen, die Behälter  aber muss ich wieder mitnehmen. Wenn Sie also kurz leeren könnten?“ „Ja, das mache ich. Bringen Sie sie einfach rein.“

Ganz oben auf dem ersten Behälter lagen Bananen. Als ich hereinkam, sprang ein kleiner Junge im Unterhemd ganz aufgeregt auf und ab und zeigte auf die Bananen: „Mama, Bananen, Bananen!“

 „Ja, ich weiß, das sind Bananen. Sei lieb und zieh‘ dir eine Hose an, dann gibt dir Mami eine“, antwortete Elizabeth.

Der Kleine rannte davon. Da kam sein Vater in die Küche. Wir stellten uns einander vor und Keith half mir, weitere Behälter hinein zu tragen. Vor den Augen der aufgeregten Kinder, die jede neue Ent­deckung kommentierten, luden wir die Lebensmittel ab. Sie waren alle sehr dankbar und riefen mir ihren Dank hinterher als ich mich ver­abschiedete. Ich fühlte mich ein bisschen wie der Weihnachtsmann.

Von da an besuchte ich Elizabeth und Keith jeden Samstagabend und wir lernten uns besser kennen und wurden Freunde. Ab und zu fragten sie mich  was ich so beruflich mache. Bei diesen Gelegenheiten erzählte ich ihnen, wie Gott das Leben von Menschen verändern kann. Eines Tages fragte mich Elizabeth, ob ich auch Taufen vor­nahm. Ich erklärte ihr, dass wir das bei der Heilsarmee als „Einsegnung“ bezeichnen und dass ich diese durchführe. Da wollte sie wissen, ob ich die Einsegnung auch für ihren Jüngsten, Steve, vornehmen könne. Ich willigte ein und machte ihr klar, dass sie zunächst wirklich begreifen müsste, was es heißt, sein Kind Gott zu weihen. Wir vereinbarten ein Treffen, bei dem alles besprochen werden sollte.

Es war schon dunkel als ich ankam und sie mich in ihr Wohnzimmer führten. Der Fernseher lief und die Kinder hatten sich darum geschart. „Ach, Mama“, meckerten sie, als Elizabeth den Ton leiser stellte.

Ich sprach darüber, dass ein Kind ein Geschenk Gottes sei - da stimmten Keith und Elizabeth mir zu - und dass wir Christen glauben, dass Gott uns alle aus einem bestimmten Grund erschaffen hat. Dann erklärte ich ihnen, dass es für ein Kind das Beste sei, mit Gott aufzuwachsen und ihn kennenzulernen und dass die Eltern versprechen müssten, alles daran zu setzen, dafür die passende Umgebung zu schaffen. Mir fiel auf, dass Keith vom Fernseher abgelenkt und nicht ganz bei der Sache war. Elizabeth hingegen war sehr aufmerksam. Es war ihr unangenehm, dass Keith immer halb dem Bildschirm zugewandt war.

„Pass‘ doch mal auf, Keith“, forderte sie ihn mehrmals auf. „Mach‘ ich doch“, antwortet er immer wieder.

Zum Schluss fragte ich sie: „Wenn ihr glaubt, dass ein christliches Leben im Einklang mit Gott für eure Kinder das Beste ist, was ist dann mit euch? Warum habt ihr selber noch nicht darüber nachgedacht? Wenn es doch das Beste für eure Kinder ist, gilt das dann nicht auch für euch? Denkt mal darüber nach.“ Wir vereinbarten einen Termin für Steves Einsegnungs-Gottesdienst, ich sprach ein Gebet und ging.

Einige Wochen vor dem vereinbarten Termin, begann Elizabeth die Morgenandachten zu besuchen. Nach der Einsegnung von Steven ging es nicht lange, bis sie Christus als ihren Erlöser annahm. Das hat sie verändert. Obwohl ihre familiäre finanzielle Situation und ihr Gesund­heitszustand weiterhin schwierig waren, strahlte sie nun eine stetige Freude aus, die ich so von ihr nicht kannte. Nicht lange nach Steven‘s Einsegnung erzählte sie mir, dass ein weiteres Kind unterwegs war.

Kurz nach der Geburt ihrer Tochter Jennifer fragte mich Elizabeth, die mittlerweile Heilssoldatin (Mitglied) geworden war, ob ich auch die Einsegnung ihrer Tochter vornehmen könne. Ich war einver­standen, wollte sie aber vorher noch einmal besuchen und ihnen genau erklären, worum es dabei eigentlich geht. Inzwischen wa­ren sie in ein grösseres Zuhause in eine andere Wohnanlage umgezogen. Die Kinder spielten draußen und Keith schaltete den Fernseher aus, als ich ins Zimmer kam. Wir tauschten uns aus und ich sagte, wie sehr ich mich freute, dass Elizabeth nicht nur ihr Kind Gott geweiht hatte, sondern auch sich selbst. Keith schenkte mir seine volle Aufmerksamkeit. Auf eine meiner Fragen antwortete er, dass sich  Elizabeth seit ihrer Entscheidung positiv verändert hatte. Sie kicherte. Gegen Ende des Treffens fragte ich noch einmal, warum wir paradoxerweise manchmal das Beste für unsere Kinder wollen, nicht aber für uns selbst. Nachdem wir einen Termin ver­einbart hatten, betete ich für die Familie und verabschiedete mich.

Einige Zeit später, an einem Sonntag, erzählte ich Rudi davon, dass wir am kommenden Sonntag die Jüngste von Keiths und Elizabeths einsegnen würden.  „Ich weiß“, meinte er. Er und Lesley hatten sich des Paares angenommen und unterstützten Keith, Elizabeth und die Familie.

„Vielleicht bilde ich mir das ja nur ein, aber ich glaube, Keith hat sich seit Stevens Einsegnung verändert. Ich glaube, er ist Christus nahe. Ich denke, der Herr spricht zu ihm. In den letzten Wochen habe ich viel für sie gebetet, und nun muss ich dich jetzt um etwas bitten, Rudi.“

„Was denn?“, fragte Rudi neugierig.

„Nun, ich weiss nicht wann es stattfinden wird. Aber ich weiss, dass du den Zeitpunkt erkennen wirst. Ich habe stark den Eindruck, dass es besser wäre, wenn du statt ich diese Aufgabe übernehmen würdest. Sobald du merkst, dass der richtige Moment gekommen ist – und das wirst du ganz sicher merken– frage doch Keith: ‚Warum schenkst du dein Herz nicht Jesus Christus?‘. Er wird versuchen, dich abzulenken, irgendeinen Witz oder sarkastischen Kommentar machen. Lass dich davon nicht beirren und frag‘ ihn einfach nochmal: ‚Warum schenkst du dein Herz nicht Jesus?“

Rudi war erst seit einem halben Jahr ein gläubiger Christ. Das war alles neu für ihn. Er sah verwirrt aus. „Machst du das normalerweise auch so?“, fragte er.

„Nein“, antwortete ich. „Auf die Art habe ich das noch nie gemacht, aber ich denke, du solltest es tun.“

„Oh“, gab er mit einem schiefen Lächeln zurück. „Nun, ich werde Keith am Freitagabend sehen. Ich hole seine älteren Kinder vom Jugendclub ab.“

„Nur nichts überstürzen“, unterbrach ich ihn schnell. „Es muss nicht unbedingt nächste Woche sein. Vielleicht dauert es noch Wochen, Monate oder sogar ein Jahr, bis du die Frage stellen kannst. Du wirst wissen, wann die Zeit gekommen ist um die richtige Frage zu stellen.“

Erst am Sonntagmorgen sah ich alle wieder. Keith und Elizabeth kamen mit ihren Kindern zum Gottesdienst. Auch andere Familien waren schon da. Bis zu jenem Morgen war mir nicht bewusst gewesen, dass Keith in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen war. Sein Vater war auch ein Mitglied der Heilsarmee. Heute war er extra von London aus angereist, in voller  Heilsarmeeuniform. Es stimmte mich traurig, dass nicht viele Leute zum Gottesdienst gekommen waren. Viele waren weg oder hatten sich entschieden, für das verlängerte Wochenende wegzufahren. Zu meinem Entsetzen wurde mir bewusst, dass nicht einmal genug Sänger für den Erwachsenenchor anwesend waren. Geschweige genug Kinder für den Kinderchor. Und auch für die Begleitung der Lieder waren zu wenig Musikanten vor Ort. Dazu kam, dass auch unser Pianist fehlte. Katastrophe. Ausgerechnet an diesem Tag, wo so viele Besucher von auswärts kamen, waren so viele abwesend!

Mitte des Gottesdienstes bat ich die Eltern, mit ihrem Baby Jennifer für die Einsegnung nach vorne zu kommen. Wir beendeten somit den ersten Teil des Gottesdienstes. Kurz darauf wurde eins ihrer anderen Kinder plötzlich unruhig. Elizabeth versuchte, ihn unter Kontrolle zu bringen, aber es gelang ihr nicht. Keith nahm ihr das Kind ab und ging durch den Mittelgang nach draußen. Ich konnte ihn durch die Netzvorhänge und das große Fenster am Ende des Saals sehen. Er konnte zwar sehen, was drinnen vor sich ging, hörte aber kein Wort. Das war so enttäuschend für mich. Keith war bisher nur einmal zum Sonntagsgottesdienst mitgekommen, zu Stevens Einsegnung. Vielleicht würde er nach diesem Tag nie wieder einen Fuß in diesen Saal setzen. Ich hatte so gehofft, dass er an diesem Morgen den Ruf Gottes hören und darauf antworten würde. „Würde es für ihn nochmals eine Gelegenheit geben?“ fragte ich mich.

An diesem Morgen predigte ich aus tiefster Seele, wohl wissend, dass Keith mich nur sehen aber nicht hören konnte. Dann ließ ich einen Aufruf folgen, auf Gottes Stimme zu antworten. Pauline, deren Geschichte ich ja bereits erzählt habe, stand auf, ging nach vorne und kniete an der Gebetsbank (auch Gnadenthron oder Bussbank genannt) nieder. Ein  spezieller Ort für ein Gebet, für eine Begeg­nung mit Gott. Ihr folgten noch weitere Personen. Einige wollten ihren Bund mit Gott erneuern, andere waren da, um ihr Leben zum ersten Mal Gott anzuvertrauen. Ich rief die Gemeinde auf, laut für diese Leute zu beten. Das taten dann auch einige.  Sogar Keiths Vater stand auf und betete. Danach hatte ich das Bedürfnis, zu ihm zu gehen und mit ihm zu reden.

„Mr Goodall?“

Er öffnete die Augen. „Ja“, antwortete er und ich sah, wie auch Elizabeth zu meiner Linken aufstand und durch den Gang nach vorne ging. „Könnten Sie bitte kurz zu Keith gehen, ihm seinen Sohn abnehmen und ihn bitten herein zu kommen?“ Ich hielt inne. „Sagen Sie ihm, dass seine Frau nach vorne gegangen ist und dass sie ihn braucht.“

„Ist gut“, willigte er ein und verließ den Saal.

Am hinteren Ende des Saals gab es zwei Türen mit je einem Gang, der nach vorne führte. Zwischen den Türen gab es ein grosses Fenster. Keith kam nicht durch dieselbe Tür herein, die sein Vater benutzt hatte, er nahm die andere. Ich stand also nicht im richtigen Gang, als er hereinkam. Verwirrt stand er da. Ich bin normalerweise niemand, der Gottes Angelegenheit zu seinen Zwecken missbraucht oder andere manipuliert. Ich fragte mich, was mich dazu getrieben hatte, dies zu sagen. Nun musste ich den ganzen Gang bis nach vorne gehen, vorne durchlaufen, um Keith im anderen Gang begrüssen zu können. „Elizabeth ist zur Gebetsbank gegangen und sie braucht dich“, flüsterte ich ihm zu.

Er ging nach vorn und kniete neben ihr nieder. Jetzt wurde mir klar, dass dies richtig war. Elizabeth und Keith liebten einander, da be­stand kein Zweifel. Keith war auf eine gewisse Weise für Elisabeth da. Doch nun brauchte sie ihn auf einer tiefergehenden Ebene. Mittler­weile war die Gebetsbank voll mit knienden Menschen. Alle, die nach vorne gekommen waren, hatten jemanden zu ihrer Seite, der ihnen zuhörte und für sie betete. Um mehr Platz für weitere Menschen zu machen, die nach vorne gekommen waren um vor Gott niederknien zu können, nahm ich zwei oder drei Stühle aus der ersten Reihe und drehte sie um.

Als ich die Stühle in Position brachte, stand Keith auf und kam mit einem sehr merkwürdigen Gesichtsausdruck auf mich zu. Ich fragte mich, was er wohl sagen würde. Während ich abwartete, nahm ich eine Gestalt rechts von mir wahr, die sich mir näherte. Ich drehte mich um, die Hände immer noch an der Stuhllehne, und sah Rudi dort stehen, der Keith zu meiner Linken ernst anblickte. Rudi hob die Hand und deutete mit dem Zeigefinger zuerst auf Keith und dann auf den Stuhl vor mir. Beide fielen sofort auf die Knie. An jenem Morgen führte Rudi den ersten von vielen weiteren Menschen zu Christus.

Obwohl ich nicht wirklich begreifen konnte, was da ablief, wusste ich doch, dass Gott an diesem Morgen am Wirken war. Diener wissen oft nicht, was ihre Herren tun, es geht sie auch nichts an. Sie müssen lediglich ihre Arbeit verrichten und die Wünsche ihres Herrn erfüllen. An diesem Morgen kamen elf Menschen nach vorne. Vier empfingen erstmals die Erlösung durch Jesus, sieben weitere erneuerten ihren Bund mit Gott.

Erst nach dem Gottesdienst erfuhr ich, was sich zwischen Keith und Rudi nach dem Gespräch am vergangenen Sonntag abgespielt hatte. Rudi hatte tatsächlich an jenem Freitag wie versprochen Keiths Kinder vom Jugendclub abgeholt und sie sicher zu Hause abgesetzt. Als er das Gartentor hinter sich schloss, kam Keith ihm entgegen, die Hände in den Taschen, das Hemd nicht in die Hose gesteckt. Rudi richtete sich auf und stand Keith nun ganz nah gegenüber, Auge in Auge.

„Da wusste ich, dass der richtige Moment gekommen war, wie du gesagt hattest“, erzählte mir Rudi. „Ich hab ihn da gefragt: ‚Keith, warum schenkst du dein Herz nicht Jesus‘?

Er hat nur spöttisch gelacht. ‚Ich hab‘ halt noch nicht das Licht gesehen‘.

‚Doch, das hast du wohl‘, habe ich geantwortet. ‚Warum schenkst du dein Herz nicht Jesus‘? fragte ich ihn nochmal. Er stand ganz still da. Dann habe ich mich verabschiedet und bin einfach gegangen. Ich habe gemerkt, dass heute Morgen beim gemeinsamen Gebet etwas in ihm vorging und ich habe alles genau beobachtet. Als er dann von der Gebetsbank aufstand, wusste ich, dass ich nach vorne kommen musste um mit ihm zu reden.“

Der Gottesdienst dauerte zweieinhalb Stunden - ungewöhnlich lang für uns. Aber so herrlich, so voll erfüllt vom Heiligen Geist. Pauline, die an jenem Morgen als Erste nach vorne gegangen war, verließ den Saal mit Tränen in den Augen.

„Ich habe es gefunden, ich habe es gefunden. Endlich habe ich es gefunden!“ rief sie.

Es war so schön, ihre Freude zu teilen. „Wo ist denn deine Freundin Janet heute?“, fragte ich.

„Sie hat Grippe. Sie ist sicher ganz schön enttäuscht. Ich gehe sie gleich besuchen und erzähle ihr alles, bevor ich nach Hause gehe. Mein Mann ist sicher nicht so begeistert davon. Der wundert sich be­stimmt, wo ich bleibe. Noch nie hatte es so spät Abendessen gegeben.“

Erschöpft verließ ich den Saal nach der Zusammenkunft. Beim Abendessen bekam ich kaum etwas runter. Gott hatte uns so einen wunderbaren Morgen geschenkt. „Wie könnte der Abendgottesdienst da noch heranreichen?“, dachte ich mir. „Keith, Elizabeth und ihre Familie und Freunde nehmen nicht teil, und abends sind sowieso weniger Leute da, jetzt fehlen auch noch so viele wegen des öffentlichen Feiertags.“

Noch bevor die Zusammenkunft begann, spürte ich Gottes mächtige Gegenwart. Neben Pauline saß Janet, die gar nicht gut aussah. Sie hätte besser zu Hause im Bett bleiben sollen. Normalerweise war keine von beiden bei den Abendgottesdiensten dabei. Ich fragte mich, wie ihr Gespräch wohl abgelaufen war. Der Gottesdienst selbst dauerte nicht lange. Nach der Predigt und meinem üblichen Aufruf und einer Zeit des freien Gebets, kam Janet nach vorne. Noch vier weitere Personen erneuerten ihren Bund mit Gott. Was zunächst nach einer kurzen Zusammenkunft ausgesehen hatte, zog sich über zwei Stunden hin. Bis wir schließlich das letzte Lied sangen.

Die Grippe hatte Janet ganz schön erwischt. „Ich musste kommen. Ich musste einfach. Als Pauline mir erzählt hat, was ihr passiert war, da bin ich hergekommen, denn ich wollte das auch erleben.“

Und das hat sie auch. Was für ein Tag. Was für ein erstaunlicher Tag hatte Gott, der es liebt, seine Kinder immer wieder zu überraschen, uns geschenkt.

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