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Versöhnt leben mit Gott und Mitmenschen

Mit klarer Identität kann ich mir und Anderen vergeben

Ich mache in der letzten Zeit eine Beobachtung, die mich beunruhigt. Wenn mich der Heilige Geist auf ein sündiges Verhalten aufmerksam macht, nehme ich die Sache ernst, gehe auf den anderen zu und versuche mich zu entschuldigen und um Vergebung zu bitten. Die Reaktion lautet dann oft: „Ist doch nicht so schlimm“. „Ist doch nicht so schlimm“: Damit kann ich wenig anfangen. Wenn meine aufrichtige Bitte um Vergebung nicht ernst genommen wird, ist meine Frage: Wird Sünde hier noch ernst genommen, wird Gott noch ernst genommen?

Warum empfinden wir so unterschiedlich?

Die unterschiedlichen Reaktionen liegen zum einen an unserer Vita: Was ist uns alles passiert? Durch welche Krisen mussten wir in unserem Leben gehen? Was hat uns geprägt? Vieles hat sich so stark festgesetzt, dass wir auf kleinste Anzeichen reagieren. Ein Beispiel: Als Vierjähriger versuchte ich mir ein Stück Napfkuchen abzuschneiden. Ich wusste aber nicht, wie schwer es ist, das erste Stück aus dem frischen Kuchen herauszubringen. Als mein Vater dazu kam; schlug er mir auf die Finger. Er dachte, ich puhlte am Kuchen herum, ohne ihn angeschnitten zu haben. Als Kind hat er mich immer wieder ungerecht behandelt. Fazit: Ich reagiere heute besonders stark auf Ungerechtigkeit. Eine Kleinigkeit, aber eine Verletzung, der viele andere folgten.
Als Jugendlicher konnte ich mir nicht vorstellen, dass es intakte Familien gibt, dass man mit seinen Eltern vernünftig umgehen kann, dass mir Familie etwas bedeuten würde und es Liebe untereinander geben könnte. In einer besonders schweren Situation hätte ich Hilfe von meinen Eltern gebraucht, aber mein Vater sagte nur: „Damit musst du allein zurechtkommen.“ Ich musste lernen, meinem Vater zu vergeben (auch nach seinem Tod), um aus dieser Endlosschleife herauszukommen.

Es geht nicht nur mir so!

Sehen wir uns andere Probleme im zwischenmenschlichen Bereich an. Ehen werden geschieden, Familien dadurch auseinandergerissen. Kinder sind die Leittragenden. Sie müssen auf vieles verzichten. Eine Frau musste immer auf Geschenke verzichten. Das wurde zu einem unguten Lebensmuster. Sie, die immer verzichtete, damit es allen gut ging, kam in die Frühpensionierung, litt an Depressionen und verlor die Lebensfreude.
Warum gelingen Beziehungen nicht? Was belastet unseren Alltag? Was macht uns krank bis hin zum „Burnout“ oder einer Erschöpfungsdepression. Ein Grund: Weil Verletzungen aus der Kindheit oder der jüngsten Vergangenheit sich nicht von selbst heilen. Wir müssen lernen, mit den Verletzungen unseres Lebens umzugehen. Wir müssen lernen, mit der Führung Gottes umzugehen. Wir müssen lernen, dass mit der Bekehrung und Hinwendung zu Gott etwas Neues „angefangen“ hat. Und dieser Weg ist noch lange nicht zu Ende.

Wie zeigen sich Verletzungen im Alltag?

Da unsere Gefühle „programmiert sind“, die meisten davon in den ersten Lebensjahren, reagieren wir auf Alltagssituationen automatisch.
Beim Kuchenschneiden achte ich darauf, immer ein paar Stücke zu scheiden.
Ein unbedachtes Wort kann an den „Verzicht auf Weihnachtsgeschenke“ erinnern und schlechte Gefühle auslösen.
Etwas macht mir schon lange Probleme und ich ärgere mich darüber, dass ich die Sache noch nicht im Griff habe. Und nun werde ich auch noch darauf angesprochen.

Sich selbst vergeben: Versöhnt mit sich und den Lebensumständen!

Als ich vor vielen Jahren meine Vergangenheit aufarbeitete, versuchte ich, meinen Eltern zu vergeben. Wichtig – aber nur ein Punkt. Der andere Punkt war die Erkenntnis, dass ich für mein Fehlverhalten, das aus „falscher Erziehung“ und vielen Verletzungen resultierte, nun selbst verantwortlich war. Ich konnte nicht länger die Schuld auf meine Eltern schieben, nach dem Motto „Ich handle so, weil mir damals dieses oder jenes passiert ist“. Mir wurde klar, dass ich mich mit meiner Sünde und meiner Schuld auseinandersetzen musste.
Ich brauchte Vergebung und Heiligung für mein Leben. Aus Verletzungen, die nicht aufgearbeitet werden, erwächst Bitterkeit. Mit solchen Menschen möchte niemand gerne zu tun haben. Diese Zurückweisungen machen noch bitterer und einsamer. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Meine Identität: Gott vergeben, mit Gott versöhnt.

Aber auch meine Beziehung zu Gott mag auf dem Spiel stehen.
Der englische Schriftsteller Adrian Plass erzählt in seinem Buch „Die rastlosen Reisen des frommen Chaoten“ folgende Begebenheit: Er soll bei einem Abendessen sprechen. Ein Banker wird ihm gegenübergesetzt. Er ist der einzige Nicht-Christ und soll bekehrt werden, so wünscht es sich Eve, die Gastgeberin. Während des Vortrags kommt Adrian Plass ein spontaner Gedanke. Er sagt: „Wissen Sie, ich könnte mich irren, aber ich glaube, Gott sagt zu mir, dass heute Abend einige Leute hier sind, die Gott vergeben müssen. Natürlich kann Gott nicht wirklich etwas Falsches tun, wofür man ihm vergeben müsste, aber gerade das macht es so schwierig. Es ist nicht so einfach, sich mit jemand zu streiten, der nie etwas falsch macht.“
Plass schreibt weiter: „Es sind bestimmt Leute unter uns, die auf Gottes Schoß klettern wollen wie kleine Kinder und mit ihren kleinen Fäusten gegen seine Brust trommeln und schreien wollen: Ich hasse dich! Ich habe dich gebeten, mir zu helfen und du hast mir nicht geholfen. Du wusstest, wie es mir ging – du wusstest, was ich brauchte und hast es mir nicht gegeben. Wenn du mich lieben würdest, hättest du etwas unternommen, aber du hast es nicht getan. Ich hasse dich! – Mein Sohn hat genau das bei mir getan und wenn er jeden Tropfen Energie ausgeheult hatte, schlief er einfach ein und ich hielt ihn eine Ewigkeit lang fest. Und das Entscheidende ist – er musste diesen ganzen Wutanfall durchmachen, um all diese üblen, stacheligen Gefühle aus sich heraus zu bringen, und das tat er am sichersten Ort, den er kannte, nämlich in meinen Armen.
Gott macht es nichts aus, wenn Sie wütend auf ihn sind. Er ist es gewohnt, die Schuld auf sich zu nehmen. Es ist ihm sogar lieber, Sie lassen ihre Wut an ihm aus, als an irgendjemand anderem.“
Nach fünf Minuten Stille, in denen jeder Gott seinen Groll und Zorn erzählen sollte, machte Adrian Plass mit seinem üblichen Vortrag weiter. Der Banker wurde von diesem Einschub abgeholt. Es war genau seine Situation, als er vor 40 Jahren seine 10-jährige Schwester verlor. Damals wollte er mit Gott nichts mehr zu tun haben, nun sagt er: „Heute bin ich wieder zu Hause angekommen.“
Gott ist es gewohnt die Schuld auf sich zu nehmen. Und er hat den Überblick, der uns fehlt. Können wir uns über die Umstände, Schicksale, und Katastrophen unseres Lebens mit Gott versöhnen?

Es ist das Kreuz, an dem Jesus Christus starb.

Im Alten Testament gibt es eine Geschichte aus der Zeit der Wüstenwanderung des Volkes Israel: „Als sie endlich die Oase von Mara erreichten, war das Wasser dort so bitter, dass sie es nicht trinken konnten. Darum heißt dieser Ort Mara („Bitterkeit“). ‚Was sollen wir nun trinken‘,‘ fragten die Leute Mose vorwurfsvoll. Mose flehte den Herrn um Hilfe an, und der Herr zeigte ihm ein Stück Holz. Als Mose es ins Wasser warf, wurde das Wasser genießbar“ (2. Mose 15,23-25).
Welches „Holz“ macht das bittere Wasser süß? Es ist das Kreuz, an dem Jesus Christus starb. Gott macht durch Jesus Christus meinen Schaden gut!
Unser Leben ist wie ein getöpferter Krug aus der Hand Gottes, geformt zu seinem Ebenbild. Wir sehen immer nur die Risse, die Verletzungen, die Brüche und die Macken in unserem Leben. Gott sieht uns durch das Kreuz an. Er sieht das vollkommene Werk seines Sohnes Jesus Christus. Und er sieht seine Schöpfung an: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe es war sehr gut“ (1. Mose 1,31).

Wir sehen die Bruchstücke. Lassen wir Gott aus den Scherben unseres Lebens etwas Neues machen. Jetzt kann es beginnen. Siehst du es nicht?
Wir können anderen vergeben. Wir können uns selbst vergeben. So leben wir versöhnt. In unserer Umwelt und mit Gott. Weil wir wissen, wer wir sind. Durch Gott.

Major Alfred Preuß

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