Wie geht's?


von Christine Schollmeier


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Nachfolgender Text ist ein Auszug aus der Ausgabe 19/2015 des Heilsarmee-Magazins.

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Ich gebe nicht gern zur Begrüßung die Hand. Das hat nichts mit Angst vor Körperkontakt zu tun. Ich mag nur dieses gedankenlose Händeschütteln nicht, auch wenn ich in England geboren bin. Ja, ich weiß, dass man in Deutschland das „Shake Hands“ als urbritisch empfindet. Aber bei der dazugehörenden Frage „How do you do?“ – „Wie geht es Ihnen?“ wäre der Brite ganz verblüfft, wenn er eine Antwort bekäme. Es ist nur eine Floskel, mehr nicht.

Auf die Frage: „Wie geht’s?“, hat eine Kollegin einmal testweise geantwortet: „Mir geht es sehr schlecht!“ Und die Gegenseite lächelte und sagte: „Das freut mich aber!“ - und zog weiter zum nächsten „Wie geht‘s?“. Meine verwitwete Mutter hat grundsätzlich auf die Frage nach dem Wohlbefinden geantwortet: „Gut!“ Sie meinte, dass es im Grunde sowieso niemand besonders interessiere – und je öfter sie klagen würde, oder anders gesagt, ehrlich sein würde, desto weniger würden die Leute sie fragen. Ihr selbst, sagte sie, ginge es nicht besser – eher schlechter –, wenn sie all das Negative aufzählen würde.

Gut, ich weiß, dass es Situationen gibt, wo es (über-)lebenswichtig ist, das Erlebte weiterzuerzählen. Ich wurde einmal auf St. Pauli in Hamburg von jemandem mit einer Waffe überfallen. Da riet mein Arzt mir dringend, über das Geschehene immer wieder zu sprechen. Aber so etwas ist ja nicht die Norm. Ehrlich gesagt, interessiert es mich auch nicht sonderlich, wie es mir geht. Ich bin nicht der Nabel der Welt und erwarte weder besondere Rücksicht noch Nachsicht.

Zum Grübeln neige ich normalerweise nicht und empfinde fast immer das Glas eher als halbvoll als halbleer. Deshalb fällt es mir nicht schwer, den Rat meiner Mutter anzunehmen und ebenfalls zu antworten: „Danke, gut! Und wie geht es Ihnen?" Und mir dann Zeit für die Antwort zu nehmen. Denn das ist mir wichtiger als ständig meinen eigenen emotionalen Puls zu fühlen.

  

Christine Schollmeier

 

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