Auf sicherem Weg geführt

Mit Veränderungen leben


von Gabrielle Głodek


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Meine Mutter war Kunstmalerin. Das hatte zur Folge, dass öfters mal neue Bilder in unserer Wohnung hingen. Wie ich das doch hasste! Ich wollte keine Veränderungen. Das sollte sich aber noch gewaltig ändern.

Um einschlafen zu können, sollte mir mein Papa jeden Abend die gleiche Geschichte vorlesen. Ich weiß sie noch heute auswendig. Das immer wiederkehrende Bekannte bewahrt uns vor Unvorhersehbarem, das uns ängstigen könnte und dem wir möglicherweise nicht gewachsen sind. Wir klammern uns fest an dem, was wir kennen, egal, ob gut oder schlecht.

Menschen wie Bäume

Dazu fällt mir eine wahre Geschichte ein. Es war im Herbst 2000, als im Schweizer Grenzort Gondo eine Schlammlawine das halbe Dorf in die Tiefe und 13 Menschen in den Tod riss. Als Journalistin traf ich zusammen mit Hilfstrupps der Armee ein. Ich begegnete einem unter Schock stehenden Mann: Vor seinen Augen war seine Enkelin von den Trümmern seines eigenen Hauses begraben worden. Ein halbes Jahr später ging ich ihn wieder besuchen: Er hatte sein Haus wiederaufgebaut, nur wenige Meter von dort entfernt, wo das ehemalige gestanden hatte. Ich war konsterniert: „Schauen Sie doch diese Berge, die können jederzeit wieder runterstürzen, warum bleiben Sie hier?“, fragte ich ihn. Als wäre ich ein begriffsstutziges Kind, antwortete er: „Ich lebe hier!“ Er war wie ein Baum, fest eingewurzelt in seiner Erde.

So war ich als Kind: Wenn meine Eltern Gäste empfingen, kroch ich unter die Bettdecke und stellte mich tot. Wenn sie dann nach mir suchten, versuchte ich den Atem so lange anzuhalten, bis sie wieder weg waren. Über ein halbes Jahrhundert später spüre ich es manchmal noch in mir, dieses kleine Mädchen, das sich am liebsten tot stellen würde, um allen Kämpfen und Verletzungen aus dem Weg zu gehen.

Wie hat Maria das bloß geschafft?

Manchmal frage ich mich, wie das wohl Jesu Mutter geschafft hat. Kaum war etwas in die Wege geleitet worden, so wurde wieder alles anders: Ihre Verlobung mit Josef gab ihr die berechtigte Hoffnung auf ein ruhiges Leben. Aber nein: Da erschien ein Engel und kündigte ihr an, dass sie schwanger werden würde. Dabei war Maria noch Jungfrau! Und nicht nur das, sondern sie sollte den Messias gebären. Was Maria anfänglich noch gelassen hinnahm, geriet aus den Fugen, noch bevor das Kind geboren wurde: Zuerst wollte Josef sie verstoßen und später, als er sich beruhigt hatte, musste sie, unterwegs zur Volkszählung, in einem Stall gebären.

Marias Mutterherz wurde unzählige Male erschüttert: Als Jesus Teenager war, hätte sie ihn fast verloren. Als er ein junger Mann war, ging er in die Wüste, um vom Teufel versucht zu werden. Meine Güte, zum Glück haben das meine Kinder nie getan! Dann zog Jesus umher und geriet immer mehr ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik. Was er da tat, muss für Maria schwer nachvollziehbar gewesen sein. Bestimmt hat auch sie ihm gesagt: „Bitte, pass auf dich auf!“ Aber darauf schien er nicht gehört zu haben. Die Geschichte von Marias Sohn endete mit dem Kreuz und der Auferstehung. Wie verkraftet das eine Mutter? Ich persönlich glaube, dass Maria nicht nur oft geweint, sondern auch gezweifelt und geschimpft und viele schlaflose Nächte erlebt hat. Und sicher hätte auch sie sich hie und da gerne einfach tot gestellt. Wie Maria müssen viele von uns mit Veränderungen leben.

Raus aus dem Versteck!

Nach 19 Jahren Schildkrötendasein (bei der kleinsten Erschütterung: hopp ins Häuschen!), änderte ich die Taktik radikal. Ich zog vom Elternhaus in Paris aus, um in Genf zu studieren. Eigenverantwortung, Selbstbestimmung und Freiheit machte ich zu meinen neuen Schlüsselwerten. Daran änderte auch meine Bekehrung nicht viel. Wenn ein Arbeitsplatz nicht mehr meinen Erwartungen entsprach, suchte ich mir einen neuen. So waren auch Umzüge an der Tagesordnung. Das kostete viel Geld und Nerven (vor allem auch, weil ich mittlerweile zwei Kinder hatte). Aber ich lernte auch viel, wurde flexibel und schnell. Ich erinnere mich, wie mir einst ein Kollege sagte: „Du hast es gut, sitzt immer auf der Sonnenseite des Lebens.“ Ich warf ihm entgegen: „Ja, weil ich mir die Mühe nehme, meinen Stuhl aus dem Finsteren zu ziehen und dorthin zu tragen, wo die Sonne scheint.“ Immer wieder habe ich den Lauf meines Lebens korrigieren müssen. Stellte sich heraus, dass ich irgendwo eine Fehlentscheidung getroffen hatte, so ergriff ich schnell Gegenmaßnahmen. Etwas aushalten oder abwarten war mir fremd.

Nach etlichen Jahren Berg- und Talfahrt zwangen mich Lebensumstände dazu, innezuhalten. Es traf mich eine schwere Krise. Ich ahnte nicht, dass sich Gott selber mir in den Weg gestellt hatte. Ich kämpfte und haderte, bis ich mich schließlich ergab und Gott fragte: „Was willst du von mir?“ Die Antwort kam rasch: Ich fand eine Stelle als Kommunikationsleiterin am Hauptquartier der Schweizer Heilsarmee in Bern. Und einige Jahre später ließ ich mich als Soldatin einreihen.

Alles hat sich verändert

Seit meiner Bekehrung im Jahr 1984 wusste ich, dass der Herr mich nach Osteuropa senden würde. Wann dies geschehen würde, wusste nur er. Es war dann im Jahr 2012 (ich nahm gerade am zweiten Teil des Catherine-Programms teil), als mir Jesus dringend und unmissverständlich ans Herz legte, meine Stelle in Bern zu kündigen und mich für ihn bereitzuhalten. Das klang riskant, denn mit 54 Jahren findet sich auch in der Schweiz nicht mehr so schnell eine spannende Stelle. Aber ich sagte mir, dass es noch riskanter wäre, Jesus nicht zu gehorchen. Also kündigte ich meine Stelle (die ich sehr liebte). Nur drei Tage später erfuhr ich, dass die Heilsarmee jemanden in Warschau sucht. Dann ging alles Schlag auf Schlag. Am 1. Juni 2013 stand ich, kein Wort Polnisch sprechend, vor meinem ersten Korps, in Warschau. Und schon bald lernte ich meinen jetzigen Mann, Adam, kennen. Nichts ist mehr wie damals; Jesus hat alles, wirklich alles, auf den Kopf gestellt.

Jesu Ruf ist anders

Trotz allem lerne ich hier Gelassenheit. Die Hetze der vergangenen Jahre ist von mir abgefallen. Gottes Veränderungen sind einschneidend, aber voller Frieden. Ich bin nicht mehr die gehetzte, die immer wieder ihren Stuhl von einem Fenster zum nächsten rückt. Aber Gott hat meinen Hang zu eigensinnigen Wegkorrekturen gebraucht, um mich für seine Pläne vorzubereiten. Seit meiner Übersiedlung sind nun sechs Jahre vergangen. Ich bin angekommen, wo Gott mich haben will, und dafür danke ich ihm täglich.

Dem großen Ziel entgegen

Wie unser geistlicher Vater Abraham aus seiner Heimat gerufen wurde, so werden viele von uns von Gott und der Heilsarmee gerufen, ihr lieb gewordenes Umfeld, ihre Familie und ihre Sicherheit zu verlassen. Das tut weh. Aber „Sein Geist führt uns auf sicherem Weg“ (Psalm 143,10). Oft und immer wieder leitet uns Jesus ins Unbekannte. Pilgerschaft und Fremdheit gehören zur Nachfolge: „Wir gehören nicht zur Welt, so wenig wie Jesus zur Welt gehört“ (nach Johannes 17,16). Umso wichtiger ist es, dass wir auf unsere echte und ewige Heimat ausgerichtet bleiben. So bleiben wir elastisch, um den Stürmen der Veränderungen standzuhalten.

Auxiliar-Kapitänin Gabrielle Głodek
leitet das Korpsgründungsprojekt
Warschau-West.

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